Meine drei Großen

Mozarts Solis­ten­en­sem­bles bestehen aus sechs, sie­ben, ja acht Prot­ago­nis­ten, aber Ver­dis Beset­zun­gen sind klein. In vie­len sei­ner Opern gibt es nicht mehr als vier oder fünf Haupt­rol­len, die Tra­viata kommt mit drei­en aus, und in sei­nem Mac­be­th steht dem Titel­hel­den ein­zig des­sen Gemah­lin zur Sei­te. Dies bedeu­tet zum einen zwar, daß eine Auf­füh­rung nur eine gerin­ge Zahl an Solis­ten ver­langt, zum ande­ren aber, daß auf die­sen eine umso grö­ße­re Last ruht; denn je weni­ger Sän­ger es gibt, desto län­ger steht jeder von ihnen auf der Büh­ne.

Die tra­gen­den Rol­len wer­den in der Tra­viata von einer Frau und zwei Män­nern ein­ge­nom­men: der tuber­ku­lo­se­kran­ken Kur­ti­sa­ne Vio­let­ta, dem jun­gen Land­ade­li­gen Alfre­do und sei­nem Vater, Gior­gio Ger­mont. Die Par­tie Vio­let­t­as ver­langt einen bald lyri­sch, bald eher dra­ma­ti­sch aus­ge­form­ten Sopran mit siche­rer Höhe und Kolo­ra­tur­fä­hig­kei­ten, Alfre­do ist ein Ten­or, der sang­li­chen Schmelz, aber punk­tu­ell auch hel­di­sche Durch­schlags­kraft besit­zen muß, und für den Vater Ger­mont erfand Ver­di eine Bari­ton­par­tie, die strö­men­des Melos mit gro­ßem Far­ben­reich­tum und fast teno­ra­ler Dis­po­si­ti­on ver­ei­nigt. In dem­sel­ben Maß, wie die Figu­ren viel­schich­ti­ger wer­den, stei­gen auch die Anfor­de­run­gen an die Viel­sei­tig­keit der Sän­ger.

Unse­re Tra­viata genießt den Vor­zug, über ein Solis­ten­t­rio aus drei kom­plett ver­schie­de­nen, aber abso­lut gleich­wer­ti­gen Sän­gern zu ver­fü­gen. Zwei von ihnen kom­men aus der ost­west­fä­li­schen Nach­bar­schaft – der drit­te aber, Hon­gyu Chen, der Alfre­dos Vater dar­stellt, stammt aus Chi­na und ist in des­sen äußers­tem Nor­den, nahe der mon­go­li­schen Gren­ze, auf­ge­wach­sen. Als wir ihn bei unse­rer Cas­ting-Ver­an­stal­tung hör­ten, waren alle Betei­lig­ten sofort von sei­ner noblen Stim­me und sei­nem wun­der­vol­len Lega­to ein­ge­nom­men, aber kei­ner von uns glaub­te, einen sol­chen Sän­ger für unser Pro­jekt gewin­nen zu kön­nen, zumal da er kei­ner­lei Bezü­ge zu Bie­le­feld oder zu einer der maß­geb­li­chen Per­so­nen besaß. Aber Hon­gyu Chen sag­te zu – und in den Pro­ben erwies er sich, wie fast alle wirk­li­chen Kön­ner, als ein höchst lie­bens­wür­di­ger und über­aus koope­ra­ti­ver Part­ner von gro­ßer Beschei­den­heit und bewun­derns­wer­ter Dis­zi­plin. Daß ich die mir eng ver­trau­ten Sän­ger, die Vio­let­ta und Alfre­do dar­stel­len wer­den, durch einen exzel­len­ten drit­ten wür­de ergän­zen kön­nen, den ich nach weni­gen Stun­den Freund wür­de nen­nen kön­nen, hät­te ich nicht zu hof­fen gewagt.

Auch eine Odys­see, aber eine ganz ande­re, hat Johann Pen­ner hin­ter sich, der den Alfre­do singt. Weil er eine anspre­chen­de Stim­me hat­te, begann er, Gesang zu stu­die­ren – und weil er sich nicht sicher war, ob er wirk­li­ch für eine Solo­kar­rie­re dis­po­niert war, begann er die­ses Stu­di­um zunächst in der Aus­rich­tung auf den Leh­rer­be­ruf. An der Hoch­schu­le reus­sier­te er mit mäßi­gem Erfolg, und als ich ihn zum ers­ten Mal enga­gier­te, geschah dies eher aus Not als aus Über­zeu­gung. Die Zusam­men­ar­beit aus gege­be­nem Anlaß ent­wi­ckel­te sich indes­sen zu einer kon­ti­nu­ier­li­chen Part­ner­schaft, in der neue Auf­ga­ben neue Wege und neue Wege neue Mög­lich­kei­ten erschlos­sen. Heu­te ist aus dem unsi­che­ren Ora­to­ri­en­sän­ger ein gestan­de­ner Opern­ten­or gewor­den, der all­tags mit Cou­ra­ge und Über­zeu­gung als Stu­di­en­rat sei­nen Mann steht, aber auch gelernt hat, daß er sich nach sei­ner sän­ge­ri­schen Befä­hi­gung durch­aus mit den Solis­ten bedeu­ten­der Büh­nen mes­sen kann.

Über Lara Veng­haus ein unvor­ein­ge­nom­me­nes Urteil abzu­ge­ben, dürf­te jeman­dem, der ihr per­sön­li­ch so nahe steht wie ich, nicht ohne wei­te­res zuge­traut wer­den, und nur Men­schen, die mich gut ken­nen, wer­den vor­aus­set­zen, daß ich nie­man­dem eine Unzu­läng­lich­keit weni­ger bereit­wil­lig nach­se­he als dem, der mir ver­traut ist. Lara Veng­haus ist gewiß nicht die Sopran­stim­me, die jeder Musik­freund in sei­nen Träu­men ver­nimmt, aber sie ist ein Ereig­nis, eine Kom­bi­na­ti­on aus stimm­li­cher Gewalt, unbän­di­gem Wil­len, kom­pro­miß­lo­ser Dis­zi­plin und besorg­nis­er­re­gen­der Intel­li­genz. Sie ver­fügt über einen Stimm­um­fang von drei­ein­halb Okta­ven, und ihr Tim­bre ist das einer um eine Oktav nach oben ver­setz­ten Altis­tin. Wo bei ande­ren rei­zen­des Sil­ber glit­zert, ver­strömt sie immer­no­ch bari­to­na­le Wär­me, die Bra­vour ihrer Extrem­la­gen ver­blaßt infol­ge der Mühe­lo­sig­keit, mit denen sie die­se erreicht. Jah­re hat es gedau­ert, bis sie in uner­müd­li­cher Bemü­hung ihre star­ke, dunkle, über­aus robus­te, aber auch wider­spens­ti­ge Stim­me zu bezäh­men lern­te, und umso bewuß­ter ist der Per­fek­tio­nis­tin, daß Voll­kom­men­heit, wie greif­bar sie auch erscheint, immer nur eine Gna­de des Augen­blicks ist, die nicht ohne beharr­li­che Arbeit, aber doch auch nicht ein­fach als deren Lohn gewährt wird.

Violetta Valéry

Zwei­fels­oh­ne ist Lara Veng­haus das Ener­gie­bün­del und All­round­ta­lent in unse­rer La Tra­viata Pro­duk­ti­on. Dem Publi­kum wird sie eine wun­der­ba­re Vio­let­ta Valé­ry bie­ten, die Titel­rol­le, wel­che sie neben ihrem Wahl­ten­or Johann Pen­ner bis zum letz­ten Atem­zug der Vio­let­ta hin­ge­bungs­voll sin­gen wird. Was den meis­ten Zuschau­ern jedoch ver­bor­gen bleibt, sind ihre vie­len zusätz­li­chen Rol­len hin­ter den Kulis­sen. Sie gehört zum Regie­team, küm­mert sich um den Wit­te­ner Chor, die Kos­tüm- und Büh­nen­de­signs, hat immer ein offe­nes Ohr für alle und denkt auch an die Ver­pfle­gung ihrer Mit­strei­ter. „Für die Pau­se habe ich Kuchen mit­ge­bracht – der Chor hat Vor­rang!“ Die­se Worte haben wir Chor­sän­ger alle mit einem seli­gen Lächeln quit­tiert – und das Orches­ter hat davon zum Glück gar nichts mit­be­kom­men. Die­se Aus­sa­ge ist natür­li­ch mit einem Zwin­kern zu ver­ste­hen, denn natür­li­ch küm­mert sich Lara auch um die Orches­ter­mu­si­ker.

Wir befan­den uns gera­de mit­ten in einer sze­ni­schen Pro­be mit Solis­ten und Chor, alle noch ver­tieft in Ver­dis Noten­text, wer weiß schon, die wie­viel­te Wie­der­ho­lung es war (Wer zählt die über­haupt? Wir wol­len schließ­li­ch alle eine for­mi­da­ble Tra­viata  auf die Audi­max-Büh­ne brin­gen!), als Lara plötz­li­ch rief: „Kommt doch alle mal um den Flü­gel! Wir sin­gen jetzt ein­fach mal nur.“ Die Jam-Ses­si­on mit Micha­el Hoyer am Kla­vier ging los. Immer noch mit Noten­text aber einer rie­si­gen Por­ti­on Spaß. Zufrie­den ver­kün­de­te unse­re zau­ber­haf­te Haupt­rol­le: „Also, sin­gen kön­nen wir!“ Ich muss wohl nicht extra beto­nen, dass nach die­sem Lob der Elan zu wei­te­ren sze­ni­schen Pro­ben enorm gestie­gen war. Und das soll was hei­ßen, nach­dem man schon den gan­zen Tag geübt und geprobt hat und eigent­li­ch schon ganz schön müde ist.

Für Lara Veng­haus ist Ver­dis La Tra­viata die drit­te Opern­pro­duk­ti­on mit dem Uni­ver­si­täts­or­ches­ter Bie­le­feld. Vor­an­ge­gan­gen sind die 2009er Auf­füh­rung von Webers Der Frei­schütz  und drei Jah­re spä­ter Mozarts Die Zau­ber­flö­te. Die künst­le­ri­sche Vita der 30 Jah­re jun­gen Sopra­nis­tin ist gespickt mit wei­te­ren hoch­ka­rä­ti­gen Par­ti­en. So sang sie bereits vor ihrem Stu­di­um die Sopran­par­tie  in Jose­ph Haydns Schöp­fung, auf die ähn­li­che Par­ti­en in Bachs Weih­nachts­ora­to­ri­um und Mozarts Requi­em folg­ten. Ihr Reper­toire umfasst neben dem Opern­fach eben­so das Kon­zert­fach, wobei ihr das Deut­sche Kunst­lied beson­ders am Her­zen liegt, wel­ches Lara Veng­haus 2016 in einem Lie­der­abend zum The­ma  Nacht­ge­spin­s­te  mit Wer­ken von Schu­bert, Schu­mann, Brahms, Wolf, Mah­ler und Strauss ein­drucks­voll besun­gen hat. Die­sen Abend hat man (nichts gegen das Kleid!) am bes­ten mit geschlos­se­nen Augen genos­sen, um die Klang­far­be und die trans­por­tier­ten Emo­tio­nen voll und ganz genie­ßen zu kön­nen. Selbst nach einem bestimmt anstren­gen­dem Kon­zert hat­te die Sän­ge­rin noch Zeit für ihr Publi­kum. Ich habe es wäh­rend der gan­zen Pro­ben­zeit noch nicht erlebt, dass man Lara Stress oder Schwie­rig­kei­ten anmerkt. Sie hat stets einen freund­li­chen Gruß auf den Lip­pen und küm­mert sich um alle gro­ßen und klei­nen Sor­gen. Außer­dem tritt sie regel­mä­ßig bei den jähr­li­ch statt­fin­den­den Fes­ti­vals Euro­pea Este und Stel­le e lapi­li in Ita­li­en auf.

Wenn die quir­li­ge jun­ge Frau nicht selbst auf der Büh­ne steht, lei­tet sie die Sän­ger­ge­mein­schaft Jöl­len­be­ck e.V. und gibt ande­ren san­ges­freu­di­gen Men­schen Unter­richt im Sin­gen. Lara Veng­haus ist nicht nur Gesangs­leh­re­rin, son­dern außer­dem geschult, bei Stimm­pro­ble­men als Stimm­bild­ne­rin unter­stüt­zend zu arbei­ten. Ihre Freu­de am Sin­gen ver­steht sie spie­lend wei­ter­zu­ge­ben.

Lara Veng­haus hat soeben ihre ers­te eige­ne CD Son Io  her­aus­ge­bracht. Der Ita­lie­ni­sche Titel unter­streicht ihre Lie­be zu Ita­li­en und in Ver­bin­dung mit den elf, für die­se CD aus­ge­wähl­ten Stü­cken, zeich­net sich das Bild einer talen­tier­ten, wand­lungs­fä­hi­gen Künst­le­rin. Rein­hö­ren lohnt sich in jedem Fall – in die CD und natür­li­ch live. Spä­tes­tens Ende April. Bis dahin wird Lara Veng­haus aber noch viel gute Lau­ne ver­sprüht und neue musi­ka­li­sche Aus­flü­ge geplant haben.

http://lara-venghaus.de/