37 Jahre Dienst für das Orchester

Micha­el Hoyer? Das ist doch der Diri­gent des Uni­or­ches­ters. Der mit den unver­ständ­li­chen Ein­füh­run­gen und den lang­sa­men Tem­pi?“ So oder so ähn­li­ch dürf­ten die Ant­wor­ten lau­ten, wenn man die Bie­le­fel­der kul­tur­in­ter­es­sier­ten Bür­ge­rin­nen und Bür­ger befragt. Aber wird ihm dies auch gerecht?

 

Micha­el Hoyer kam 1980 mit sei­ner Frau, die eine Stel­le als Gei­gen­leh­re­rin an der städ­ti­schen Musik­schu­le antrat, nach Bie­le­feld. Sein Diri­gier­stu­di­um hat­te der aus Schwein­furt stam­men­de Sohn eines Stra­ßen­bau­in­ge­nieurs gera­de an der Musik­hoch­schu­le in Würz­burg abge­schlos­sen, sei­ne wis­sen­schaft­li­chen Stu­di­en (Phi­lo­so­phie, Musik­wis­sen­schaft, Sprach­wis­sen­schaft und Ger­ma­nis­tik) beab­sich­tig­te er jedoch, wei­ter­zu­füh­ren. Dass das 1976 gegrün­de­te Hoch­schul­or­ches­ter kurz nach sei­ner Ankunft in OWL einen Lei­ter such­te, kam ihm sehr gele­gen, konn­te der jun­ge Diri­gent auf die­se Wei­se doch sogleich in die Pra­xis ein­stei­gen.
Micha­el Hoyer schrieb sich an der Uni­ver­si­tät Müns­ter ein, fuhr regel­mä­ßig zu den Semi­na­ren und begann an sei­ner Pro­mo­ti­on zu arbei­ten. Immer in regem Kon­takt nach Süd­deutsch­land, wo sei­ne Mut­ter die unbe­schreib­li­che Hand­schrift ihres Soh­nes über die Schreib­ma­schine in einer Fas­sung zu Papier brach­te, die auch ohne Lupe leser­li­ch war.

Im Orches­ter war sei­ne Hand­schrift bereits nach kur­zer Zeit deut­li­ch zu erken­nen. Hat­te er sich noch in der Vor­be­rei­tung zum 1. Kon­zert, dem ein­zi­gen gemein­sa­men Auf­tritt von Uni­chor und Orches­ter in der Geschich­te der Uni­ver­si­tät, furcht­bar mit dem Chor­lei­ter über die rich­ti­ge Art zu diri­gie­ren gestrit­ten, demons­trier­te er fort­an, was mit sau­be­rer Tech­nik und gedul­di­ger Arbeit zu errei­chen war. Liest man im Archiv des Orches­ters nach, so fin­den sich dort nahe­zu sämt­li­che Sin­fo­ni­en Beet­ho­vens und Brahms, qua­si alle Lied­kom­po­si­tio­nen Gus­tav Mah­lers, popu­lä­re und unbe­kann­te Instru­men­tal­kon­zer­te von Baro­ck bis Neu­zeit – kurz ein unge­heu­er brei­tes Spek­trum, wel­ches für ein Lai­en­or­ches­ter höchst unge­wöhn­li­ch ist.

Zu jedem Pro­gramm ver­fass­te Micha­el Hoyer eine eige­ne Ein­füh­rung. Ihn beim Schrei­ben zu beob­ach­ten, erfor­dert mehr Geduld, als ich auf­zu­brin­gen in der Lage bin – und mehr Geduld, als die Ela­bo­ra­te zu lesen!

Ein typi­sches Bild: Er sitzt im Gar­ten in der pral­len Son­ne, ein Pull­over hängt über den Schul­tern, auf dem Tisch vor ihm eine Schreib­un­ter­la­ge, ein wei­ßes Blatt, ein im Gebir­ge selbst gesam­mel­ter Stein, der ver­hin­dert, dass das Blatt weg­fliegt, ein klei­nes Hand­tuch mit sei­nen Initia­len, von sei­ner Groß­mut­ter bestickt, und ein schwar­zer Edding, 0,1 mm Strich­stär­ke. Er denkt. Sitzt unbe­weg­li­ch da und denkt nach. Das Tele­fon läu­tet – er nimmt es gar nicht wahr. Hin und wie­der folgt sein Bli­ck dem Zaun­kö­nig auf Nah­rungs­su­che, son­st ver­harrt er unbe­wegt. Bis der Gedan­ke in sei­nem Kopf voll­endet ist, bis er unan­fecht­bar gewor­den ist – dann schreibt er ihn nie­der. Und ver­sinkt erneut in Gedan­ken.

 

Zeit ist Micha­el Hoyers kost­bars­tes Gut – und er inves­tiert es in sein Orches­ter wie in des­sen Mit­glie­der. Wil­helm spiel­te schon vor 1980 im Orches­ter Kla­ri­net­te und ist bis heu­te Mit­glied des Orches­ters. Eine Zeit lang wohn­te er sogar im 1. Sto­ck des Hau­ses am Lieb­frau­en­weg, wel­ches seit 1990 nicht nur den Hoyers, son­dern auch einer gan­zen Biblio­thek von Noten, Schrif­ten und Orches­te­rer­in­ne­run­gen Zuflucht bie­tet. Auch Mag­da­lena, ein Au-Pair-Mäd­chen aus Polen, wel­ches als Flö­tis­tin ins Orches­ter kam, fand dort ein frei­es Zim­mer, als es Pro­ble­me mit der Gast­fa­mi­lie gab. Und wer in die­sem Haus je zu Gast war, weiß, dass neben gutem Essen und einem Schlaf­platz auch inten­si­ve Gesprä­che, Sprach­un­ter­richt, Musik­un­ter­richt und ähn­li­ches zu der Aus­stat­tung gehö­ren, mit der Micha­el sei­ne Gäs­te bedenkt.

 

Ich weiß nicht, wie vie­len Men­schen Micha­el Hoyer in den unter­schied­lichs­ten Lebens­la­gen bei­stand. Er selbst ver­mut­li­ch auch nicht, denn er ist kein Sta­tis­ti­ker. Aber ich weiß, dass vie­le, die woan­ders kei­ne Chan­ce erhiel­ten, im Uni­or­ches­ter stets geför­dert wur­den und bei ihm auch stets Hil­fe und ein offe­nes Ohr fan­den. Und das ist es, was die Orches­ter­ar­beit mit ihm so beson­ders macht.

 

Das Uni­ver­si­täts­or­ches­ter ist kein gesel­li­ger Hau­fen, der neben den Pro­ben vor allem gemein­sam was trin­ken geht und sich unter­hält. Hier sit­zen schrä­ge Vögel und Indi­vi­dua­lis­ten neben­ein­an­der – aber gera­de dadurch ist hier jeder will­kom­men. Und die­se Kul­tur hat der­je­ni­ge geprägt, der die­ses Ensem­ble seit 37 Jah­ren lei­tet: Micha­el Hoyer.

 

Die Basis

Was braucht man zum Gelin­gen eines Opern­pro­jek­tes am drin­gends­ten?

Eine Oper? Joa, schon nicht schlecht. Enthu­si­as­mus? Ja, gewiss auch die­sen – aber vor allem braucht man ein Orches­ter.

Ein Orches­ter, das ist eine Grup­pe von Men­schen, von denen jeder ein Instru­ment spielt und die sich regel­mä­ßig zum gemein­sa­men Musi­zie­ren tref­fen. Unser Orches­ter, das Bie­le­fel­der Uni­ver­si­täts­or­ches­ter, ist ein ganz beson­de­rer Ver­tre­ter die­ser Spe­zies.

1974, kurz nach der Grün­dung der Jun­gen Sin­fo­ni­ker, die das ers­te Lai­en­or­ches­ter in Bie­le­feld waren, kamen drei Erwach­se­ne Instru­men­ta­lis­ten auf die Idee, ein Lai­en­or­ches­ter zu initi­ie­ren. Mit Erfolg: Zahl­rei­che Men­schen fan­den sich unter dem Dach des Jun­gen Kam­mer­or­ches­ters, das bald dar­auf das Hoch­schul­or­ches­ter Bie­le­feld wer­den soll­te, zusam­men, um gemein­sam mehr Freu­de am Musi­zie­ren zu haben. 1980 über­nahm Micha­el Hoyer die Lei­tung – er hat sie bis heu­te inne.

Ich kam 2003 als 2. Oboe ins Orches­ter – für mich ein gro­ßes Glück, für mei­ne Mit­spie­ler zunächst jedoch eher eine Hypo­thek. Ich war nicht sehr fähig an mei­nem Instru­ment – den­no­ch durf­te ich mit­wir­ken. Es gab in die­sem Ensem­ble kei­ne Auf­nah­me­be­schrän­kung, aber eine Art Ehren­ko­dex: es wur­de von mir erwar­tet, dass ich mich anstreng­te, mein Bes­tes gab, um mich zu ver­bes­sern und eine Berei­che­rung für das Orches­ter zu wer­den. Ich wuss­te zu die­sem Zeit­punkt nicht, dass schon vie­le die­sen Weg gegan­gen waren. Das war aber auch nicht wich­tig: ich häng­te mich rein, pro­fi­tier­te von den erfah­re­nen Kol­le­gen, die mir Tips gaben und mich för­der­ten, und schaff­te es schon bald auf die Posi­ti­on der 1. Oboe.

Seit­her habe ich vie­le ähn­li­che Wer­de­gän­ge beob­ach­tet und eini­gen mit mei­nen Erkennt­nis­sen wei­ter­hel­fen kön­nen. Ich habe 4 ver­schie­de­ne Kon­zert­meis­ter erlebt, Wer­ke von gro­ßer Popu­la­ri­tät wie etwa Tschai­kow­skys Kla­vier­kon­zert oder Beet­ho­vens 3. Sin­fo­nie, aber auch Urauf­füh­run­gen und ent­le­ge­nes gespielt.
Vie­le Mit­spie­ler kamen und gin­gen, ande­re blie­ben. Aus „mei­ner“ ers­ten Beset­zung von 2003 sind heu­te noch ein Kon­tra­bass, ein Cel­lo, zwei zwei­te Gei­gen und eine ers­te Gei­ge sowie ein Hor­nist im Orches­ter – ande­re, die frü­her schon mit­spiel­ten, kamen wie­der, wie­der ande­re ver­lie­ßen das Ensem­ble auf­grund fami­liä­rer oder beruf­li­cher Ver­än­de­run­gen.

Was die­ses Ensem­ble aus mei­ner Per­spek­ti­ven von ande­ren abhebt, ist die hohe Indi­vi­dua­li­tät sowie die immen­se Offen­heit und Tole­ranz gegen­über Neu­em, Mit­glie­dern wie Auf­ga­ben. Wir sind kein gesel­li­ger Ver­ein, der nach jeder Pro­be noch stun­den­lang zusam­men Bier­chen trinkt, lan­ge gemein­sa­me Rei­sen oder Frei­zeit­ak­ti­vi­tä­ten unter­nimmt und sich gegen­sei­tig zu Geburts­ta­gen und der­glei­chen ein­lädt – das gibt es teil­wei­se, aber rela­tiv wenig. Bei uns gibt es kei­ne Abgren­zung, kein „wir“ und „die“, in die­sem Ensem­ble ist jeder will­kom­men, der sich ein­brin­gen möch­te. Her­kunft, poli­ti­sche oder reli­giö­se Ansich­ten, gesell­schaft­li­che Stel­lung – all das bedeu­tet hier nichts. Uns ver­bin­det nur die Musik. Und die­ses „nur“ meint eigent­li­ch: das Sein.

Meine drei Großen

Mozarts Solis­ten­en­sem­bles bestehen aus sechs, sie­ben, ja acht Prot­ago­nis­ten, aber Ver­dis Beset­zun­gen sind klein. In vie­len sei­ner Opern gibt es nicht mehr als vier oder fünf Haupt­rol­len, die Tra­viata kommt mit drei­en aus, und in sei­nem Mac­be­th steht dem Titel­hel­den ein­zig des­sen Gemah­lin zur Sei­te. Dies bedeu­tet zum einen zwar, daß eine Auf­füh­rung nur eine gerin­ge Zahl an Solis­ten ver­langt, zum ande­ren aber, daß auf die­sen eine umso grö­ße­re Last ruht; denn je weni­ger Sän­ger es gibt, desto län­ger steht jeder von ihnen auf der Büh­ne.

Die tra­gen­den Rol­len wer­den in der Tra­viata von einer Frau und zwei Män­nern ein­ge­nom­men: der tuber­ku­lo­se­kran­ken Kur­ti­sa­ne Vio­let­ta, dem jun­gen Land­ade­li­gen Alfre­do und sei­nem Vater, Gior­gio Ger­mont. Die Par­tie Vio­let­t­as ver­langt einen bald lyri­sch, bald eher dra­ma­ti­sch aus­ge­form­ten Sopran mit siche­rer Höhe und Kolo­ra­tur­fä­hig­kei­ten, Alfre­do ist ein Ten­or, der sang­li­chen Schmelz, aber punk­tu­ell auch hel­di­sche Durch­schlags­kraft besit­zen muß, und für den Vater Ger­mont erfand Ver­di eine Bari­ton­par­tie, die strö­men­des Melos mit gro­ßem Far­ben­reich­tum und fast teno­ra­ler Dis­po­si­ti­on ver­ei­nigt. In dem­sel­ben Maß, wie die Figu­ren viel­schich­ti­ger wer­den, stei­gen auch die Anfor­de­run­gen an die Viel­sei­tig­keit der Sän­ger.

Unse­re Tra­viata genießt den Vor­zug, über ein Solis­ten­t­rio aus drei kom­plett ver­schie­de­nen, aber abso­lut gleich­wer­ti­gen Sän­gern zu ver­fü­gen. Zwei von ihnen kom­men aus der ost­west­fä­li­schen Nach­bar­schaft – der drit­te aber, Hon­gyu Chen, der Alfre­dos Vater dar­stellt, stammt aus Chi­na und ist in des­sen äußers­tem Nor­den, nahe der mon­go­li­schen Gren­ze, auf­ge­wach­sen. Als wir ihn bei unse­rer Cas­ting-Ver­an­stal­tung hör­ten, waren alle Betei­lig­ten sofort von sei­ner noblen Stim­me und sei­nem wun­der­vol­len Lega­to ein­ge­nom­men, aber kei­ner von uns glaub­te, einen sol­chen Sän­ger für unser Pro­jekt gewin­nen zu kön­nen, zumal da er kei­ner­lei Bezü­ge zu Bie­le­feld oder zu einer der maß­geb­li­chen Per­so­nen besaß. Aber Hon­gyu Chen sag­te zu – und in den Pro­ben erwies er sich, wie fast alle wirk­li­chen Kön­ner, als ein höchst lie­bens­wür­di­ger und über­aus koope­ra­ti­ver Part­ner von gro­ßer Beschei­den­heit und bewun­derns­wer­ter Dis­zi­plin. Daß ich die mir eng ver­trau­ten Sän­ger, die Vio­let­ta und Alfre­do dar­stel­len wer­den, durch einen exzel­len­ten drit­ten wür­de ergän­zen kön­nen, den ich nach weni­gen Stun­den Freund wür­de nen­nen kön­nen, hät­te ich nicht zu hof­fen gewagt.

Auch eine Odys­see, aber eine ganz ande­re, hat Johann Pen­ner hin­ter sich, der den Alfre­do singt. Weil er eine anspre­chen­de Stim­me hat­te, begann er, Gesang zu stu­die­ren – und weil er sich nicht sicher war, ob er wirk­li­ch für eine Solo­kar­rie­re dis­po­niert war, begann er die­ses Stu­di­um zunächst in der Aus­rich­tung auf den Leh­rer­be­ruf. An der Hoch­schu­le reus­sier­te er mit mäßi­gem Erfolg, und als ich ihn zum ers­ten Mal enga­gier­te, geschah dies eher aus Not als aus Über­zeu­gung. Die Zusam­men­ar­beit aus gege­be­nem Anlaß ent­wi­ckel­te sich indes­sen zu einer kon­ti­nu­ier­li­chen Part­ner­schaft, in der neue Auf­ga­ben neue Wege und neue Wege neue Mög­lich­kei­ten erschlos­sen. Heu­te ist aus dem unsi­che­ren Ora­to­ri­en­sän­ger ein gestan­de­ner Opern­ten­or gewor­den, der all­tags mit Cou­ra­ge und Über­zeu­gung als Stu­di­en­rat sei­nen Mann steht, aber auch gelernt hat, daß er sich nach sei­ner sän­ge­ri­schen Befä­hi­gung durch­aus mit den Solis­ten bedeu­ten­der Büh­nen mes­sen kann.

Über Lara Veng­haus ein unvor­ein­ge­nom­me­nes Urteil abzu­ge­ben, dürf­te jeman­dem, der ihr per­sön­li­ch so nahe steht wie ich, nicht ohne wei­te­res zuge­traut wer­den, und nur Men­schen, die mich gut ken­nen, wer­den vor­aus­set­zen, daß ich nie­man­dem eine Unzu­läng­lich­keit weni­ger bereit­wil­lig nach­se­he als dem, der mir ver­traut ist. Lara Veng­haus ist gewiß nicht die Sopran­stim­me, die jeder Musik­freund in sei­nen Träu­men ver­nimmt, aber sie ist ein Ereig­nis, eine Kom­bi­na­ti­on aus stimm­li­cher Gewalt, unbän­di­gem Wil­len, kom­pro­miß­lo­ser Dis­zi­plin und besorg­nis­er­re­gen­der Intel­li­genz. Sie ver­fügt über einen Stimm­um­fang von drei­ein­halb Okta­ven, und ihr Tim­bre ist das einer um eine Oktav nach oben ver­setz­ten Altis­tin. Wo bei ande­ren rei­zen­des Sil­ber glit­zert, ver­strömt sie immer­no­ch bari­to­na­le Wär­me, die Bra­vour ihrer Extrem­la­gen ver­blaßt infol­ge der Mühe­lo­sig­keit, mit denen sie die­se erreicht. Jah­re hat es gedau­ert, bis sie in uner­müd­li­cher Bemü­hung ihre star­ke, dunkle, über­aus robus­te, aber auch wider­spens­ti­ge Stim­me zu bezäh­men lern­te, und umso bewuß­ter ist der Per­fek­tio­nis­tin, daß Voll­kom­men­heit, wie greif­bar sie auch erscheint, immer nur eine Gna­de des Augen­blicks ist, die nicht ohne beharr­li­che Arbeit, aber doch auch nicht ein­fach als deren Lohn gewährt wird.

Violetta Valéry

Zwei­fels­oh­ne ist Lara Veng­haus das Ener­gie­bün­del und All­round­ta­lent in unse­rer La Tra­viata Pro­duk­ti­on. Dem Publi­kum wird sie eine wun­der­ba­re Vio­let­ta Valé­ry bie­ten, die Titel­rol­le, wel­che sie neben ihrem Wahl­ten­or Johann Pen­ner bis zum letz­ten Atem­zug der Vio­let­ta hin­ge­bungs­voll sin­gen wird. Was den meis­ten Zuschau­ern jedoch ver­bor­gen bleibt, sind ihre vie­len zusätz­li­chen Rol­len hin­ter den Kulis­sen. Sie gehört zum Regie­team, küm­mert sich um den Wit­te­ner Chor, die Kos­tüm- und Büh­nen­de­signs, hat immer ein offe­nes Ohr für alle und denkt auch an die Ver­pfle­gung ihrer Mit­strei­ter. „Für die Pau­se habe ich Kuchen mit­ge­bracht – der Chor hat Vor­rang!“ Die­se Worte haben wir Chor­sän­ger alle mit einem seli­gen Lächeln quit­tiert – und das Orches­ter hat davon zum Glück gar nichts mit­be­kom­men. Die­se Aus­sa­ge ist natür­li­ch mit einem Zwin­kern zu ver­ste­hen, denn natür­li­ch küm­mert sich Lara auch um die Orches­ter­mu­si­ker.

Wir befan­den uns gera­de mit­ten in einer sze­ni­schen Pro­be mit Solis­ten und Chor, alle noch ver­tieft in Ver­dis Noten­text, wer weiß schon, die wie­viel­te Wie­der­ho­lung es war (Wer zählt die über­haupt? Wir wol­len schließ­li­ch alle eine for­mi­da­ble Tra­viata  auf die Audi­max-Büh­ne brin­gen!), als Lara plötz­li­ch rief: „Kommt doch alle mal um den Flü­gel! Wir sin­gen jetzt ein­fach mal nur.“ Die Jam-Ses­si­on mit Micha­el Hoyer am Kla­vier ging los. Immer noch mit Noten­text aber einer rie­si­gen Por­ti­on Spaß. Zufrie­den ver­kün­de­te unse­re zau­ber­haf­te Haupt­rol­le: „Also, sin­gen kön­nen wir!“ Ich muss wohl nicht extra beto­nen, dass nach die­sem Lob der Elan zu wei­te­ren sze­ni­schen Pro­ben enorm gestie­gen war. Und das soll was hei­ßen, nach­dem man schon den gan­zen Tag geübt und geprobt hat und eigent­li­ch schon ganz schön müde ist.

Für Lara Veng­haus ist Ver­dis La Tra­viata die drit­te Opern­pro­duk­ti­on mit dem Uni­ver­si­täts­or­ches­ter Bie­le­feld. Vor­an­ge­gan­gen sind die 2009er Auf­füh­rung von Webers Der Frei­schütz  und drei Jah­re spä­ter Mozarts Die Zau­ber­flö­te. Die künst­le­ri­sche Vita der 30 Jah­re jun­gen Sopra­nis­tin ist gespickt mit wei­te­ren hoch­ka­rä­ti­gen Par­ti­en. So sang sie bereits vor ihrem Stu­di­um die Sopran­par­tie  in Jose­ph Haydns Schöp­fung, auf die ähn­li­che Par­ti­en in Bachs Weih­nachts­ora­to­ri­um und Mozarts Requi­em folg­ten. Ihr Reper­toire umfasst neben dem Opern­fach eben­so das Kon­zert­fach, wobei ihr das Deut­sche Kunst­lied beson­ders am Her­zen liegt, wel­ches Lara Veng­haus 2016 in einem Lie­der­abend zum The­ma  Nacht­ge­spin­s­te  mit Wer­ken von Schu­bert, Schu­mann, Brahms, Wolf, Mah­ler und Strauss ein­drucks­voll besun­gen hat. Die­sen Abend hat man (nichts gegen das Kleid!) am bes­ten mit geschlos­se­nen Augen genos­sen, um die Klang­far­be und die trans­por­tier­ten Emo­tio­nen voll und ganz genie­ßen zu kön­nen. Selbst nach einem bestimmt anstren­gen­dem Kon­zert hat­te die Sän­ge­rin noch Zeit für ihr Publi­kum. Ich habe es wäh­rend der gan­zen Pro­ben­zeit noch nicht erlebt, dass man Lara Stress oder Schwie­rig­kei­ten anmerkt. Sie hat stets einen freund­li­chen Gruß auf den Lip­pen und küm­mert sich um alle gro­ßen und klei­nen Sor­gen. Außer­dem tritt sie regel­mä­ßig bei den jähr­li­ch statt­fin­den­den Fes­ti­vals Euro­pea Este und Stel­le e lapi­li in Ita­li­en auf.

Wenn die quir­li­ge jun­ge Frau nicht selbst auf der Büh­ne steht, lei­tet sie die Sän­ger­ge­mein­schaft Jöl­len­be­ck e.V. und gibt ande­ren san­ges­freu­di­gen Men­schen Unter­richt im Sin­gen. Lara Veng­haus ist nicht nur Gesangs­leh­re­rin, son­dern außer­dem geschult, bei Stimm­pro­ble­men als Stimm­bild­ne­rin unter­stüt­zend zu arbei­ten. Ihre Freu­de am Sin­gen ver­steht sie spie­lend wei­ter­zu­ge­ben.

Lara Veng­haus hat soeben ihre ers­te eige­ne CD Son Io  her­aus­ge­bracht. Der Ita­lie­ni­sche Titel unter­streicht ihre Lie­be zu Ita­li­en und in Ver­bin­dung mit den elf, für die­se CD aus­ge­wähl­ten Stü­cken, zeich­net sich das Bild einer talen­tier­ten, wand­lungs­fä­hi­gen Künst­le­rin. Rein­hö­ren lohnt sich in jedem Fall – in die CD und natür­li­ch live. Spä­tes­tens Ende April. Bis dahin wird Lara Veng­haus aber noch viel gute Lau­ne ver­sprüht und neue musi­ka­li­sche Aus­flü­ge geplant haben.

http://lara-venghaus.de/

Alfredo Germont

Wenn es jeman­den gibt, der von Anbe­ginn in die Opern­aus­flü­ge des Uni­ver­si­täts­or­ches­ters invol­viert war, so ist es wohl Johann Pen­ner. Ob er je eine Chan­ce hat­te, sich dem zu ent­zie­hen? Ich weiß es nicht. Wir sind wie ein altes Ehe­paar – nur zu dritt. Micha­el Hoyer, Johann Pen­ner und ich haben nicht nur Oper, son­dern auch zahl­rei­che Ora­to­ri­en und Lie­der­aben­de mit­ein­an­der bestrit­ten. Die Inten­si­tät hat dabei immer zuge­nom­men, und wir ken­nen uns mitt­ler­wei­le so gut, dass musi­ka­li­sche Inten­ti­on und tech­ni­sche Umset­zung des ande­ren eben­so ver­traut schei­nen wie die eige­ne Stim­me.

Die Opern­ge­schich­te nahm mit dem Frei­schütz ihren Anfang. Als Max beein­druck­te Johann mit der immen­sen Leucht­kraft sei­ner Stim­me und wur­de ins­be­son­de­re den hel­di­schen Pas­sa­gen die­ser Rol­le mehr als gerecht. Der Tami­no in der Zau­ber­flö­te 2012 stell­te ihn dann vor neue Her­aus­for­de­run­gen, steht bei Mozart doch bereits eine Art Bel­can­to im Vor­der­grund, ein lega­tis­si­mo flie­ßen­der Schön­ge­sang. War es hier zum ers­ten Mal, dass ich den Schmelz in sei­ner Stim­me wahr­nahm? Das weiß ich nicht mehr. Dafür erin­ne­re ich mich gen­au an jenen Moment am Ende der Pre­mie­re, in dem wir uns gegen­über­stan­den, die Feu­er- und Was­ser­pro­be absol­viert hat­ten, und glück­li­ch, erleich­tert und erschöpft waren.

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Wird es in der Tra­viata ähn­li­ch sein? Der Alfre­do ver­langt Johann die Ver­ei­ni­gung der bei­den vor­he­ri­gen Par­ti­en ab. Lyri­scher Schmelz und dra­ma­ti­sche Strahl­kraft, Inners­tes nach Außen gewandt – das ist es, und nicht weni­ger, was Ver­di sei­nen Haupt­dar­stel­lern abver­langt. Aber eins ist gewiss: Mit einem Kol­le­gen wie Johann Pen­ner an der Sei­te ist es pure Freu­de, sich die­ser Her­aus­for­de­rung zu stel­len.

Der musi­ka­li­sche Weg Johann Pen­ners zeich­ne­te sich von Beginn an durch Viel­sei­tig­keit aus. Er stu­dier­te sowohl Schul­mu­sik als auch Gesang an den künst­le­ri­schen Hoch­schu­len in Wei­mar und Det­mold und ver­steht es noch heu­te, das päd­ago­gi­sche und das künst­le­ri­sche Feld frucht­bar mit­ein­an­der zu ver­knüp­fen; so hat­te er bei­spiels­wei­se von 2009 – 2010 einen Lehr­auf­trag für Gesang an der Hoch­schu­le für Musik in Müns­ter inne.

Schon wäh­rend sei­nes Gesang­stu­di­ums, wel­ches er erfolg­reich 2009 bei Wolf­gang Tie­mann abschloss, mach­te er sich in der Regi­on als Kon­zert- und Ora­to­ri­en­sän­ger einen Namen, und so zäh­len heu­te neben zahl­rei­chen Kan­ta­ten Johann Sebas­ti­an Bachs auch des­sen Pas­sio­nen sowie nahe­zu sämt­li­che bedeu­ten­den Ora­to­ri­en Hän­dels, Haydns oder Ros­si­nis in sein breit gefä­cher­tes Reper­toire. Sei­ne teno­ra­le Strahl­kraft wird dabei ins­be­son­de­re in Bezug auf Beet­ho­vens 9. Sin­fo­nie stets als her­aus­ra­gend emp­fun­den.

Auch für das Opern­fach kom­men ihm Schmelz und stimm­li­che Prä­senz zu Gute, so begeis­ter­te er unter ande­rem schon mehr­fach als Tami­no in der Zau­ber­flö­te (u.a. am Lan­des­thea­ter Det­mold) sowie als Max im Frei­schütz oder als Fili­pe­to in Die vier Gro­bia­ne.