Was und wie komponiert Verdi? Komponist präsentiert das Undenkbare: Eine eigenständig denkende Frau!

Ein wei­te­rer Teil unse­rer Vor­trags­rei­he ist ges­tern lei­der schon zu Ende gegan­gen. Dr. Micha­el Hoyer spann­te einen sehr wei­ten, aber höchst inter­es­san­ten und infor­ma­ti­ven Bogen zu dem The­ma, wie Ver­di sei­ne Tra­viata  kom­po­si­to­ri­sch auf­ge­baut hat und wie sie so über­haupt, musik­ge­schicht­li­ch betrach­tet, ent­ste­hen konn­te. Ein­ge­lei­tet wur­de das Publi­kum jedoch zunächst musi­ka­li­sch – Lara Veng­haus bot einen bewe­gen­den Vor­ge­schmack auf die bald kom­men­de  Auf­füh­rung mit ‚ihrer‘ Arie E stra­no, e stra­no aus dem 1. Akt. Micha­el Hoyer erklär­te dem Publi­kum zunächst, dass die Urauf­füh­rung 1853 in Vene­dig in einem hand­fes­ten Skan­dal mün­de­te. Die Haupt­fi­gur ist eine Kur­ti­sa­ne, also eine Dame aus höfi­schen Krei­sen, die ihre Lie­bes­diens­te Ade­li­gen anbot. Und so eine Dame stellt Ver­di dann auch noch als selbst­stän­dig den­kend da! Die­se Tat­sa­che ist im 19. Jahr­hun­dert eine uner­hör­te …Hoyer ver­stand es spie­lend, dem Publi­kum die Ver­bin­dung von Vio­let­t­as Denk­pro­zess und der Kom­po­si­ti­on zu ver­deut­li­chen. Zum einen bekommt das Über­le­gen Vio­let­t­as einen ziem­li­ch gro­ßen Raum zuge­stan­den, da ihre Arie schon eine gewis­se Län­ge auf­weist. Die Arie weist Pau­sen auf, Wech­selak­kor­de ver­deut­li­chen das Hin- und Her­ge­ris­sen sein der Titel­hel­din: Soll ich mich in das Aben­teu­er Lie­be stür­zen oder lie­ber wei­ter mein unbe­schwer­tes, frei­es Leben füh­ren? Sobald Vio­let­ta ihre Ent­schei­dung getrof­fen hat, gibt es auch kei­ne Pau­sen mehr, sagt Hoyer. Die zwei Stro­phen inner­halb der Arie ver­tie­fen den Hand­lungs­hin­ter­grund und die Figur Vio­let­ta bekommt mehr Tie­fe. So wirkt die ers­te Stro­phe wie das ver­träum­te Seh­nen nach dem Traum­mann, wel­cher ja Alfre­do sein könn­te und die zwei­te Stro­phe beleuch­tet Vio­let­t­as Jugend. Sie war ein ganz nor­ma­les Mäd­chen mit Träu­men eines gut­bür­ger­li­chen Lebens. Die­se Infor­ma­tio­nen bie­ten einen star­ken Kon­trast zu der jetzt aus­ge­führ­ten Rol­le der Kur­ti­sa­ne. Hoyer erklärt, dass es ein Novum war, dass Ver­di in den Ari­en die Hand­lung wei­ter lau­fen lies. Der auf­merk­sa­me Zuhö­rer bekam von Micha­el Hoyer einen Vor­trag über die Evo­lu­ti­on der Opern­ge­schich­te  gelie­fert. Von den ers­ten Opern der Renais­sance, Dra­men mit Musik und vie­len Rezi­ta­ti­ven, war es noch ein wei­ter Weg bis zu Ver­dis Kom­po­si­ti­ons­stil. Im Baro­ck wur­de der musi­ka­li­sche Anteil immer grö­ßer, jedoch wur­de die Hand­lung nur in den Rezi­ta­ti­ven vor­an­ge­trie­ben. Ari­en waren mit einem Hand­lungs­stop gleich­zu­set­zen. Cha­rac­ter hat­ten einen fes­ten Platz auf der Büh­ne, Ari­en drück­ten oft nur eine Gefühls­re­gung aus. Ers­te grö­ße­re Ver­än­de­run­gen die­ses, ich nen­ne es jetzt mal Opern­mo­dells, gab es mit dem Schaf­fen von W. A. Mozart. Sei­ne Opern sind kom­plett musi­ka­li­sch und Hoyer zögert nicht, zu sagen, dass es ohne Mozarts Wer­ke kei­nen Ver­di gege­ben hät­te. Mozart ist in sei­nen Kom­po­si­tio­nen immer nah am Text, ver­sucht das Gesun­ge­ne mit den Instru­men­ten zu ver­deut­li­chen, zu unter­strei­chen. „Es ensteht nichts in der Musik, was nicht schon vor­her im Text da war,“ erläu­tert  Hoyer. Die­se Art der Komo­si­ti­on wird von Ver­di wei­ter­ent­wi­ckelt. Das Pre­ludio am Anfang der Tra­viata  nimmt eigent­li­ch schon den Schluss vor­weg. Die ers­ten Tak­te trans­por­tie­ren schon eine Trau­rig­keit, ein Bild für Vio­let­t­as Ster­ben. Wir wis­sen also schon zu Beginn, dass die Haupt­fi­gur ster­ben wird, „des­halb ist die Tra­viata  nicht spann­nend,“ meint Hoyer. Ver­di greift hier schon dem Text vor­weg, etwas, was so bei Mozart nicht pas­siert. Es war span­nend, zu hören, wie Hoyer das essen­ti­el­le Ver­ständ­nis die­ser Oper am Wal­zer  Che è cio? Non gra­di­res­te ora le dan­ze aus dem 1. Akt fest­ma­chen konn­te.  Sze­ni­sch ist das Fest hier noch im vol­len Gan­ge. Der Wal­zer wech­selt jedoch zu einer pri­va­ten Kon­ver­sa­ti­on zwi­schen Vio­let­ta und Alfre­do. Wäh­rend der Wal­zer zu beginn noch vom Orches­ter musi­ka­li­sch getra­gen wird, wech­selt die Auf­merk­sam­keit in der Kon­ver­sa­ti­on zu den Sän­gern, die Musik wird neben­säch­li­ch, obwohl das Fest wei­ter­hin im Gan­ge ist. Ver­di legt den Fokus aber durch die Orches­trie­rung auf das bal­di­ge Paar. Er unter­stützt also in sei­ner Kom­po­si­ti­on die Hand­lung, die Annä­he­rung der bei­den Prot­ago­nis­ten.

Micha­el Hoyer unter­mau­er­te sei­nen Spa­zier­gang durch die musi­ka­li­sche Zusam­men­set­zung der Tra­viata immer wie­der gekonnt mit  Kla­vier­ein­la­gen. Sein Streif­zug durch die kom­po­si­to­ri­sche Ent­ste­hungs­ge­schich­te die­ser Oper wur­de durch die sän­ge­ri­schen Vor­trä­ge unse­rer Haupt­so­lis­ten ver­edelt. Lara Veng­haus und Johann Pen­ner prä­sen­tier­ten die gro­ßen Ari­en für Vio­let­ta und Alfre­do impro­vi­siert sze­ni­sch aber stimm­ge­wal­tig, sodass man als Zuhö­rer wirk­li­ch Gän­se­h­aut bekam. Johanns Arie wur­de durch Anni­nas  (Oxa­na West­feld) Ein­wurf wun­der­voll ver­voll­stän­digt.

Mei­ne beschei­de­nen Worte kön­nen nicht wirk­li­ch prä­sen­tie­ren, wie umfas­send und detail­liert die Schil­de­run­gen von Micha­el Hoyer wirk­li­ch waren.

Die nächs­te Mög­lich­keit, einen span­nen­den Vor­trag zur La Tra­viata bie­tet sich am 10. April 2017 um 20 Uhr im ZiF. Dr. Peter Men­ke zieht einen Ver­gleich zwi­schen Dumas’ Kame­li­en­da­me und Ver­dis La Tra­viata. Zuhö­ren lohnt garan­tiert!

Verdi ist einer von den Guten – Oper als Spiegel der Gesellschaft

Es ist in den letz­ten Tagen etwas ruhi­ger auf unse­rem Blog gewor­den. Das heißt aber nicht, dass das Pro­jekt La Tra­viata  aus unse­ren Ter­min­ka­len­dern gestri­chen gewe­sen wäre, nein, ganz im Gegen­teil. Es lag ein inten­si­ves Pro­ben­wo­chen­en­de vor allen Betei­lig­ten vor und hin­ter den Kulis­sen. Die Kos­tü­me wur­den erneut anpro­biert und die Schnei­de­rin­nen haben wie­der abge­steckt, was die Nadeln her gaben. Orches­ter, Solis­ten und Chor wur­den unter­stützt vom Bal­lett. Es wird immer run­d­er. Doch die Vor­be­rei­tun­gen lie­fen natür­li­ch schon wie­der sehr viel län­ger. So fand bereits Don­ners­tag die Podi­ums­dis­kus­si­on im Rah­men der Vor­trags­rei­he zu der Opern­auf­füh­rung im ZiF statt. Da das Orches­ter­pu­bli­kum nor­ma­ler­wei­se ins Audi­max kommt, fing die Dis­kus­si­on mit etwas Ver­spä­tung an, da die Zuhö­rer erst ins ZiF kom­men muss­ten.  Doch in den fol­gen­den zwei Stun­den gab es aller­hand schö­nes und wis­sens­wer­tes für die gespitz­ten Öhr­chen. Auf dem Podi­um dis­ku­tier­ten Prof. Dr. Wer­ner Vogd von der Uni­ver­si­tät Witten/Herdecke, Prof. Dr. Bir­git Apfel­baum von der Hoch­schu­le Harz, und Dr. Wieb­ke Esdar von der Uni­ver­si­tät Bie­le­feld. So wur­de mit teils sozio­lo­gi­sch-phi­lo­so­phi­sch-musi­ka­li­schen Ansät­zen, psy­cho­lo­gi­schen und (inter-) kul­tu­rel­len Ansät­zen dis­ku­tiert, wie aktu­ell eigent­li­ch der Stoff von Ver­dis Oper heu­te noch ist und war­um die Hoch­schu­len auch sol­che Pro­jek­te wie unse­re Tra­viata för­dern soll­ten und sie sogar davon pro­fi­tie­ren.

Unse­re Pro­duk­ti­on wird zu einem gro­ßen Teil mit Mit­wir­ken­den bestrit­ten, die so nie­mals an einer Opern­auf­füh­rung teil­neh­men könn­ten, wie sie in gro­ßen Opern­häu­sern die­ser Welt gezeigt wer­den. Das zeich­net uns aber auch aus, den wir leben Inte­gra­ti­on. Davon berich­te­ten wir ja schon.

Prof. Dr. Vogd erklär­te zu Beginn sogleich den Titel-geben­den Satz: „Ver­di ist einer von den Guten!“ und kon­tras­tier­te ihn mit Puc­ci­ni und Wag­ner. Vogd erläu­ter­te die unter­schied­li­che Her­an­ge­hens­wei­se and die rea­li­täts­treue Dar­stel­lung von gesell­schaft­li­chen und ver­knüpf­ten pri­va­ten The­men in Opern die­ser drei gro­ßen Kom­po­nis­ten. Er emp­fin­det Ver­dis The­ma­ti­sie­run­gen als echt und real. Es wird nichts beschö­nigt und auch nichts ver­klärt. Als anschau­li­ches Bei­spiel von heu­te nann­te Vogd Par­ty­gän­ger und One-Night-Stands. Hier wird das hedo­nis­ti­sche Prin­zip genauso deut­li­ch,  wie in den Fest­lich­kei­ten der Pari­ser Gesell­schaft  in   La Tra­viata  und Vio­let­t­as Leben als Edel­kur­ti­sa­ne. Die Titel­hel­din hält zunächst nicht viel von fes­ten Bin­dun­gen und nimmt sich die Frei­heit, so zu Leben, wie sie Spaß hat. Im Lau­fe der Hand­lung jedoch durch­läuft die­se Figur eine Wen­de, Vogd fass­te es tref­fend mit „von der Hure zur Hei­li­gen“ zusam­men. Vio­let­ta opfert ihre ein­zi­ge wah­re Lie­be zum Woh­le Alfre­dos. Man könn­te sagen, sie sei geläu­tert. Man kann aber auch sagen, sie ist cha­rak­ter­li­ch gewach­sen. Auch wenn die Sze­ne­rie, Paris im 18. Jahr­hun­dert, für uns schon sehr weit weg klingt, sind also die (zwischen-)menschlichen The­men immer noch die sel­ben. Frau Dr. Esdar erläu­ter­te immer wie­der tref­fend mensch­li­ches Ver­hal­ten aus psy­cho­lo­gi­scher Sicht. Gen­au wie Vio­let­ta und Alfre­do leben auch wir heu­te noch im Spa­gat zwi­schen den Erwar­tun­gen der Gesell­schaft und unse­ren eige­nen Vor­stel­lun­gen.

Frau Prof. Dr. Apfel­baum stell­te dem Publi­kum schließ­li­ch noch den Begriff third mis­si­on vor. Ganz knapp for­mu­liert bezeich­net die­ser Begriff alle Berei­che an Hoch­schu­len, die nicht den Berei­chen For­schung oder Leh­re zuge­ord­net wer­den kön­nen. Bir­git Apfel­baum bracht es auch ganz klar auf den Punkt: Die­se La Tra­viata Insze­nie­rung ent­spricht nicht den Norm­vor­stel­lun­gen der Gesell­schaft. Sie ist nicht ‚eli­tär’ genug, nicht ‚echt‘ genug. Das sol­ch eine Denk­wei­se kom­plett unter­schätzt, was jeder Ein­zel­ne bei uns leis­tet, steht völ­lig außer Fra­ge. Ich kann hier lei­der auch nur skiz­zen­ar­tig auf­zei­gen, wel­ch brei­tes Spek­trum die Dis­kus­si­on Don­ners­tag gezeigt hat. Und ich hof­fe, ich mache Lust auf ‚mehr‘ – das lie­fern wir mor­gen Abend, Mon­tag, den 3. April um 20 Uhr im ZiF. 

Musi­ka­li­sch unter­malt wur­de die Dis­kus­si­on mit drei Bei­trä­gen von Nik­las Cla­rin. Er spielt Baron Dou­phol in unse­re Auf­füh­rung. Stimm­ge­wal­tig und wahn­sin­nig prä­sent hat­te er Ari­en von W. A. Mozart, Gae­ta­no Doni­zet­ti und Fran­ces­co Pao­lo Tos­ti für das Publi­kum vor­be­rei­tet. Nik­las, wir freu­en uns auf mehr!

Nächs­te Ver­an­stal­tung: Mo., 03.April 2017, 20 Uhr im ZiF – Die Musik der ver­bor­ge­nen Vor­gän­ge – Was und wie kom­po­niert Ver­di?

 Es gibt wie­der musi­ka­li­schen Hör­ge­nuss dazu 😉

37 Jahre Dienst für das Orchester

Micha­el Hoyer? Das ist doch der Diri­gent des Uni­or­ches­ters. Der mit den unver­ständ­li­chen Ein­füh­run­gen und den lang­sa­men Tem­pi?“ So oder so ähn­li­ch dürf­ten die Ant­wor­ten lau­ten, wenn man die Bie­le­fel­der kul­tur­in­ter­es­sier­ten Bür­ge­rin­nen und Bür­ger befragt. Aber wird ihm dies auch gerecht?

 

Micha­el Hoyer kam 1980 mit sei­ner Frau, die eine Stel­le als Gei­gen­leh­re­rin an der städ­ti­schen Musik­schu­le antrat, nach Bie­le­feld. Sein Diri­gier­stu­di­um hat­te der aus Schwein­furt stam­men­de Sohn eines Stra­ßen­bau­in­ge­nieurs gera­de an der Musik­hoch­schu­le in Würz­burg abge­schlos­sen, sei­ne wis­sen­schaft­li­chen Stu­di­en (Phi­lo­so­phie, Musik­wis­sen­schaft, Sprach­wis­sen­schaft und Ger­ma­nis­tik) beab­sich­tig­te er jedoch, wei­ter­zu­füh­ren. Dass das 1976 gegrün­de­te Hoch­schul­or­ches­ter kurz nach sei­ner Ankunft in OWL einen Lei­ter such­te, kam ihm sehr gele­gen, konn­te der jun­ge Diri­gent auf die­se Wei­se doch sogleich in die Pra­xis ein­stei­gen.
Micha­el Hoyer schrieb sich an der Uni­ver­si­tät Müns­ter ein, fuhr regel­mä­ßig zu den Semi­na­ren und begann an sei­ner Pro­mo­ti­on zu arbei­ten. Immer in regem Kon­takt nach Süd­deutsch­land, wo sei­ne Mut­ter die unbe­schreib­li­che Hand­schrift ihres Soh­nes über die Schreib­ma­schine in einer Fas­sung zu Papier brach­te, die auch ohne Lupe leser­li­ch war.

Im Orches­ter war sei­ne Hand­schrift bereits nach kur­zer Zeit deut­li­ch zu erken­nen. Hat­te er sich noch in der Vor­be­rei­tung zum 1. Kon­zert, dem ein­zi­gen gemein­sa­men Auf­tritt von Uni­chor und Orches­ter in der Geschich­te der Uni­ver­si­tät, furcht­bar mit dem Chor­lei­ter über die rich­ti­ge Art zu diri­gie­ren gestrit­ten, demons­trier­te er fort­an, was mit sau­be­rer Tech­nik und gedul­di­ger Arbeit zu errei­chen war. Liest man im Archiv des Orches­ters nach, so fin­den sich dort nahe­zu sämt­li­che Sin­fo­ni­en Beet­ho­vens und Brahms, qua­si alle Lied­kom­po­si­tio­nen Gus­tav Mah­lers, popu­lä­re und unbe­kann­te Instru­men­tal­kon­zer­te von Baro­ck bis Neu­zeit – kurz ein unge­heu­er brei­tes Spek­trum, wel­ches für ein Lai­en­or­ches­ter höchst unge­wöhn­li­ch ist.

Zu jedem Pro­gramm ver­fass­te Micha­el Hoyer eine eige­ne Ein­füh­rung. Ihn beim Schrei­ben zu beob­ach­ten, erfor­dert mehr Geduld, als ich auf­zu­brin­gen in der Lage bin – und mehr Geduld, als die Ela­bo­ra­te zu lesen!

Ein typi­sches Bild: Er sitzt im Gar­ten in der pral­len Son­ne, ein Pull­over hängt über den Schul­tern, auf dem Tisch vor ihm eine Schreib­un­ter­la­ge, ein wei­ßes Blatt, ein im Gebir­ge selbst gesam­mel­ter Stein, der ver­hin­dert, dass das Blatt weg­fliegt, ein klei­nes Hand­tuch mit sei­nen Initia­len, von sei­ner Groß­mut­ter bestickt, und ein schwar­zer Edding, 0,1 mm Strich­stär­ke. Er denkt. Sitzt unbe­weg­li­ch da und denkt nach. Das Tele­fon läu­tet – er nimmt es gar nicht wahr. Hin und wie­der folgt sein Bli­ck dem Zaun­kö­nig auf Nah­rungs­su­che, son­st ver­harrt er unbe­wegt. Bis der Gedan­ke in sei­nem Kopf voll­endet ist, bis er unan­fecht­bar gewor­den ist – dann schreibt er ihn nie­der. Und ver­sinkt erneut in Gedan­ken.

 

Zeit ist Micha­el Hoyers kost­bars­tes Gut – und er inves­tiert es in sein Orches­ter wie in des­sen Mit­glie­der. Wil­helm spiel­te schon vor 1980 im Orches­ter Kla­ri­net­te und ist bis heu­te Mit­glied des Orches­ters. Eine Zeit lang wohn­te er sogar im 1. Sto­ck des Hau­ses am Lieb­frau­en­weg, wel­ches seit 1990 nicht nur den Hoyers, son­dern auch einer gan­zen Biblio­thek von Noten, Schrif­ten und Orches­te­rer­in­ne­run­gen Zuflucht bie­tet. Auch Mag­da­lena, ein Au-Pair-Mäd­chen aus Polen, wel­ches als Flö­tis­tin ins Orches­ter kam, fand dort ein frei­es Zim­mer, als es Pro­ble­me mit der Gast­fa­mi­lie gab. Und wer in die­sem Haus je zu Gast war, weiß, dass neben gutem Essen und einem Schlaf­platz auch inten­si­ve Gesprä­che, Sprach­un­ter­richt, Musik­un­ter­richt und ähn­li­ches zu der Aus­stat­tung gehö­ren, mit der Micha­el sei­ne Gäs­te bedenkt.

 

Ich weiß nicht, wie vie­len Men­schen Micha­el Hoyer in den unter­schied­lichs­ten Lebens­la­gen bei­stand. Er selbst ver­mut­li­ch auch nicht, denn er ist kein Sta­tis­ti­ker. Aber ich weiß, dass vie­le, die woan­ders kei­ne Chan­ce erhiel­ten, im Uni­or­ches­ter stets geför­dert wur­den und bei ihm auch stets Hil­fe und ein offe­nes Ohr fan­den. Und das ist es, was die Orches­ter­ar­beit mit ihm so beson­ders macht.

 

Das Uni­ver­si­täts­or­ches­ter ist kein gesel­li­ger Hau­fen, der neben den Pro­ben vor allem gemein­sam was trin­ken geht und sich unter­hält. Hier sit­zen schrä­ge Vögel und Indi­vi­dua­lis­ten neben­ein­an­der – aber gera­de dadurch ist hier jeder will­kom­men. Und die­se Kul­tur hat der­je­ni­ge geprägt, der die­ses Ensem­ble seit 37 Jah­ren lei­tet: Micha­el Hoyer.

 

Die Basis

Was braucht man zum Gelin­gen eines Opern­pro­jek­tes am drin­gends­ten?

Eine Oper? Joa, schon nicht schlecht. Enthu­si­as­mus? Ja, gewiss auch die­sen – aber vor allem braucht man ein Orches­ter.

Ein Orches­ter, das ist eine Grup­pe von Men­schen, von denen jeder ein Instru­ment spielt und die sich regel­mä­ßig zum gemein­sa­men Musi­zie­ren tref­fen. Unser Orches­ter, das Bie­le­fel­der Uni­ver­si­täts­or­ches­ter, ist ein ganz beson­de­rer Ver­tre­ter die­ser Spe­zies.

1974, kurz nach der Grün­dung der Jun­gen Sin­fo­ni­ker, die das ers­te Lai­en­or­ches­ter in Bie­le­feld waren, kamen drei Erwach­se­ne Instru­men­ta­lis­ten auf die Idee, ein Lai­en­or­ches­ter zu initi­ie­ren. Mit Erfolg: Zahl­rei­che Men­schen fan­den sich unter dem Dach des Jun­gen Kam­mer­or­ches­ters, das bald dar­auf das Hoch­schul­or­ches­ter Bie­le­feld wer­den soll­te, zusam­men, um gemein­sam mehr Freu­de am Musi­zie­ren zu haben. 1980 über­nahm Micha­el Hoyer die Lei­tung – er hat sie bis heu­te inne.

Ich kam 2003 als 2. Oboe ins Orches­ter – für mich ein gro­ßes Glück, für mei­ne Mit­spie­ler zunächst jedoch eher eine Hypo­thek. Ich war nicht sehr fähig an mei­nem Instru­ment – den­no­ch durf­te ich mit­wir­ken. Es gab in die­sem Ensem­ble kei­ne Auf­nah­me­be­schrän­kung, aber eine Art Ehren­ko­dex: es wur­de von mir erwar­tet, dass ich mich anstreng­te, mein Bes­tes gab, um mich zu ver­bes­sern und eine Berei­che­rung für das Orches­ter zu wer­den. Ich wuss­te zu die­sem Zeit­punkt nicht, dass schon vie­le die­sen Weg gegan­gen waren. Das war aber auch nicht wich­tig: ich häng­te mich rein, pro­fi­tier­te von den erfah­re­nen Kol­le­gen, die mir Tips gaben und mich för­der­ten, und schaff­te es schon bald auf die Posi­ti­on der 1. Oboe.

Seit­her habe ich vie­le ähn­li­che Wer­de­gän­ge beob­ach­tet und eini­gen mit mei­nen Erkennt­nis­sen wei­ter­hel­fen kön­nen. Ich habe 4 ver­schie­de­ne Kon­zert­meis­ter erlebt, Wer­ke von gro­ßer Popu­la­ri­tät wie etwa Tschai­kow­skys Kla­vier­kon­zert oder Beet­ho­vens 3. Sin­fo­nie, aber auch Urauf­füh­run­gen und ent­le­ge­nes gespielt.
Vie­le Mit­spie­ler kamen und gin­gen, ande­re blie­ben. Aus „mei­ner“ ers­ten Beset­zung von 2003 sind heu­te noch ein Kon­tra­bass, ein Cel­lo, zwei zwei­te Gei­gen und eine ers­te Gei­ge sowie ein Hor­nist im Orches­ter – ande­re, die frü­her schon mit­spiel­ten, kamen wie­der, wie­der ande­re ver­lie­ßen das Ensem­ble auf­grund fami­liä­rer oder beruf­li­cher Ver­än­de­run­gen.

Was die­ses Ensem­ble aus mei­ner Per­spek­ti­ven von ande­ren abhebt, ist die hohe Indi­vi­dua­li­tät sowie die immen­se Offen­heit und Tole­ranz gegen­über Neu­em, Mit­glie­dern wie Auf­ga­ben. Wir sind kein gesel­li­ger Ver­ein, der nach jeder Pro­be noch stun­den­lang zusam­men Bier­chen trinkt, lan­ge gemein­sa­me Rei­sen oder Frei­zeit­ak­ti­vi­tä­ten unter­nimmt und sich gegen­sei­tig zu Geburts­ta­gen und der­glei­chen ein­lädt – das gibt es teil­wei­se, aber rela­tiv wenig. Bei uns gibt es kei­ne Abgren­zung, kein „wir“ und „die“, in die­sem Ensem­ble ist jeder will­kom­men, der sich ein­brin­gen möch­te. Her­kunft, poli­ti­sche oder reli­giö­se Ansich­ten, gesell­schaft­li­che Stel­lung – all das bedeu­tet hier nichts. Uns ver­bin­det nur die Musik. Und die­ses „nur“ meint eigent­li­ch: das Sein.