Was und wie komponiert Verdi? Komponist präsentiert das Undenkbare: Eine eigenständig denkende Frau!

Ein wei­te­rer Teil unse­rer Vor­trags­rei­he ist ges­tern lei­der schon zu Ende gegan­gen. Dr. Micha­el Hoyer spann­te einen sehr wei­ten, aber höchst inter­es­san­ten und infor­ma­ti­ven Bogen zu dem The­ma, wie Ver­di sei­ne Tra­viata  kom­po­si­to­ri­sch auf­ge­baut hat und wie sie so über­haupt, musik­ge­schicht­li­ch betrach­tet, ent­ste­hen konn­te. Ein­ge­lei­tet wur­de das Publi­kum jedoch zunächst musi­ka­li­sch – Lara Veng­haus bot einen bewe­gen­den Vor­ge­schmack auf die bald kom­men­de  Auf­füh­rung mit ‚ihrer‘ Arie E stra­no, e stra­no aus dem 1. Akt. Micha­el Hoyer erklär­te dem Publi­kum zunächst, dass die Urauf­füh­rung 1853 in Vene­dig in einem hand­fes­ten Skan­dal mün­de­te. Die Haupt­fi­gur ist eine Kur­ti­sa­ne, also eine Dame aus höfi­schen Krei­sen, die ihre Lie­bes­diens­te Ade­li­gen anbot. Und so eine Dame stellt Ver­di dann auch noch als selbst­stän­dig den­kend da! Die­se Tat­sa­che ist im 19. Jahr­hun­dert eine uner­hör­te …Hoyer ver­stand es spie­lend, dem Publi­kum die Ver­bin­dung von Vio­let­t­as Denk­pro­zess und der Kom­po­si­ti­on zu ver­deut­li­chen. Zum einen bekommt das Über­le­gen Vio­let­t­as einen ziem­li­ch gro­ßen Raum zuge­stan­den, da ihre Arie schon eine gewis­se Län­ge auf­weist. Die Arie weist Pau­sen auf, Wech­selak­kor­de ver­deut­li­chen das Hin- und Her­ge­ris­sen sein der Titel­hel­din: Soll ich mich in das Aben­teu­er Lie­be stür­zen oder lie­ber wei­ter mein unbe­schwer­tes, frei­es Leben füh­ren? Sobald Vio­let­ta ihre Ent­schei­dung getrof­fen hat, gibt es auch kei­ne Pau­sen mehr, sagt Hoyer. Die zwei Stro­phen inner­halb der Arie ver­tie­fen den Hand­lungs­hin­ter­grund und die Figur Vio­let­ta bekommt mehr Tie­fe. So wirkt die ers­te Stro­phe wie das ver­träum­te Seh­nen nach dem Traum­mann, wel­cher ja Alfre­do sein könn­te und die zwei­te Stro­phe beleuch­tet Vio­let­t­as Jugend. Sie war ein ganz nor­ma­les Mäd­chen mit Träu­men eines gut­bür­ger­li­chen Lebens. Die­se Infor­ma­tio­nen bie­ten einen star­ken Kon­trast zu der jetzt aus­ge­führ­ten Rol­le der Kur­ti­sa­ne. Hoyer erklärt, dass es ein Novum war, dass Ver­di in den Ari­en die Hand­lung wei­ter lau­fen lies. Der auf­merk­sa­me Zuhö­rer bekam von Micha­el Hoyer einen Vor­trag über die Evo­lu­ti­on der Opern­ge­schich­te  gelie­fert. Von den ers­ten Opern der Renais­sance, Dra­men mit Musik und vie­len Rezi­ta­ti­ven, war es noch ein wei­ter Weg bis zu Ver­dis Kom­po­si­ti­ons­stil. Im Baro­ck wur­de der musi­ka­li­sche Anteil immer grö­ßer, jedoch wur­de die Hand­lung nur in den Rezi­ta­ti­ven vor­an­ge­trie­ben. Ari­en waren mit einem Hand­lungs­stop gleich­zu­set­zen. Cha­rac­ter hat­ten einen fes­ten Platz auf der Büh­ne, Ari­en drück­ten oft nur eine Gefühls­re­gung aus. Ers­te grö­ße­re Ver­än­de­run­gen die­ses, ich nen­ne es jetzt mal Opern­mo­dells, gab es mit dem Schaf­fen von W. A. Mozart. Sei­ne Opern sind kom­plett musi­ka­li­sch und Hoyer zögert nicht, zu sagen, dass es ohne Mozarts Wer­ke kei­nen Ver­di gege­ben hät­te. Mozart ist in sei­nen Kom­po­si­tio­nen immer nah am Text, ver­sucht das Gesun­ge­ne mit den Instru­men­ten zu ver­deut­li­chen, zu unter­strei­chen. „Es ensteht nichts in der Musik, was nicht schon vor­her im Text da war,“ erläu­tert  Hoyer. Die­se Art der Komo­si­ti­on wird von Ver­di wei­ter­ent­wi­ckelt. Das Pre­ludio am Anfang der Tra­viata  nimmt eigent­li­ch schon den Schluss vor­weg. Die ers­ten Tak­te trans­por­tie­ren schon eine Trau­rig­keit, ein Bild für Vio­let­t­as Ster­ben. Wir wis­sen also schon zu Beginn, dass die Haupt­fi­gur ster­ben wird, „des­halb ist die Tra­viata  nicht spann­nend,“ meint Hoyer. Ver­di greift hier schon dem Text vor­weg, etwas, was so bei Mozart nicht pas­siert. Es war span­nend, zu hören, wie Hoyer das essen­ti­el­le Ver­ständ­nis die­ser Oper am Wal­zer  Che è cio? Non gra­di­res­te ora le dan­ze aus dem 1. Akt fest­ma­chen konn­te.  Sze­ni­sch ist das Fest hier noch im vol­len Gan­ge. Der Wal­zer wech­selt jedoch zu einer pri­va­ten Kon­ver­sa­ti­on zwi­schen Vio­let­ta und Alfre­do. Wäh­rend der Wal­zer zu beginn noch vom Orches­ter musi­ka­li­sch getra­gen wird, wech­selt die Auf­merk­sam­keit in der Kon­ver­sa­ti­on zu den Sän­gern, die Musik wird neben­säch­li­ch, obwohl das Fest wei­ter­hin im Gan­ge ist. Ver­di legt den Fokus aber durch die Orches­trie­rung auf das bal­di­ge Paar. Er unter­stützt also in sei­ner Kom­po­si­ti­on die Hand­lung, die Annä­he­rung der bei­den Prot­ago­nis­ten.

Micha­el Hoyer unter­mau­er­te sei­nen Spa­zier­gang durch die musi­ka­li­sche Zusam­men­set­zung der Tra­viata immer wie­der gekonnt mit  Kla­vier­ein­la­gen. Sein Streif­zug durch die kom­po­si­to­ri­sche Ent­ste­hungs­ge­schich­te die­ser Oper wur­de durch die sän­ge­ri­schen Vor­trä­ge unse­rer Haupt­so­lis­ten ver­edelt. Lara Veng­haus und Johann Pen­ner prä­sen­tier­ten die gro­ßen Ari­en für Vio­let­ta und Alfre­do impro­vi­siert sze­ni­sch aber stimm­ge­wal­tig, sodass man als Zuhö­rer wirk­li­ch Gän­se­h­aut bekam. Johanns Arie wur­de durch Anni­nas  (Oxa­na West­feld) Ein­wurf wun­der­voll ver­voll­stän­digt.

Mei­ne beschei­de­nen Worte kön­nen nicht wirk­li­ch prä­sen­tie­ren, wie umfas­send und detail­liert die Schil­de­run­gen von Micha­el Hoyer wirk­li­ch waren.

Die nächs­te Mög­lich­keit, einen span­nen­den Vor­trag zur La Tra­viata bie­tet sich am 10. April 2017 um 20 Uhr im ZiF. Dr. Peter Men­ke zieht einen Ver­gleich zwi­schen Dumas’ Kame­li­en­da­me und Ver­dis La Tra­viata. Zuhö­ren lohnt garan­tiert!

Verdi ist einer von den Guten – Oper als Spiegel der Gesellschaft

Es ist in den letz­ten Tagen etwas ruhi­ger auf unse­rem Blog gewor­den. Das heißt aber nicht, dass das Pro­jekt La Tra­viata  aus unse­ren Ter­min­ka­len­dern gestri­chen gewe­sen wäre, nein, ganz im Gegen­teil. Es lag ein inten­si­ves Pro­ben­wo­chen­en­de vor allen Betei­lig­ten vor und hin­ter den Kulis­sen. Die Kos­tü­me wur­den erneut anpro­biert und die Schnei­de­rin­nen haben wie­der abge­steckt, was die Nadeln her gaben. Orches­ter, Solis­ten und Chor wur­den unter­stützt vom Bal­lett. Es wird immer run­d­er. Doch die Vor­be­rei­tun­gen lie­fen natür­li­ch schon wie­der sehr viel län­ger. So fand bereits Don­ners­tag die Podi­ums­dis­kus­si­on im Rah­men der Vor­trags­rei­he zu der Opern­auf­füh­rung im ZiF statt. Da das Orches­ter­pu­bli­kum nor­ma­ler­wei­se ins Audi­max kommt, fing die Dis­kus­si­on mit etwas Ver­spä­tung an, da die Zuhö­rer erst ins ZiF kom­men muss­ten.  Doch in den fol­gen­den zwei Stun­den gab es aller­hand schö­nes und wis­sens­wer­tes für die gespitz­ten Öhr­chen. Auf dem Podi­um dis­ku­tier­ten Prof. Dr. Wer­ner Vogd von der Uni­ver­si­tät Witten/Herdecke, Prof. Dr. Bir­git Apfel­baum von der Hoch­schu­le Harz, und Dr. Wieb­ke Esdar von der Uni­ver­si­tät Bie­le­feld. So wur­de mit teils sozio­lo­gi­sch-phi­lo­so­phi­sch-musi­ka­li­schen Ansät­zen, psy­cho­lo­gi­schen und (inter-) kul­tu­rel­len Ansät­zen dis­ku­tiert, wie aktu­ell eigent­li­ch der Stoff von Ver­dis Oper heu­te noch ist und war­um die Hoch­schu­len auch sol­che Pro­jek­te wie unse­re Tra­viata för­dern soll­ten und sie sogar davon pro­fi­tie­ren.

Unse­re Pro­duk­ti­on wird zu einem gro­ßen Teil mit Mit­wir­ken­den bestrit­ten, die so nie­mals an einer Opern­auf­füh­rung teil­neh­men könn­ten, wie sie in gro­ßen Opern­häu­sern die­ser Welt gezeigt wer­den. Das zeich­net uns aber auch aus, den wir leben Inte­gra­ti­on. Davon berich­te­ten wir ja schon.

Prof. Dr. Vogd erklär­te zu Beginn sogleich den Titel-geben­den Satz: „Ver­di ist einer von den Guten!“ und kon­tras­tier­te ihn mit Puc­ci­ni und Wag­ner. Vogd erläu­ter­te die unter­schied­li­che Her­an­ge­hens­wei­se and die rea­li­täts­treue Dar­stel­lung von gesell­schaft­li­chen und ver­knüpf­ten pri­va­ten The­men in Opern die­ser drei gro­ßen Kom­po­nis­ten. Er emp­fin­det Ver­dis The­ma­ti­sie­run­gen als echt und real. Es wird nichts beschö­nigt und auch nichts ver­klärt. Als anschau­li­ches Bei­spiel von heu­te nann­te Vogd Par­ty­gän­ger und One-Night-Stands. Hier wird das hedo­nis­ti­sche Prin­zip genauso deut­li­ch,  wie in den Fest­lich­kei­ten der Pari­ser Gesell­schaft  in   La Tra­viata  und Vio­let­t­as Leben als Edel­kur­ti­sa­ne. Die Titel­hel­din hält zunächst nicht viel von fes­ten Bin­dun­gen und nimmt sich die Frei­heit, so zu Leben, wie sie Spaß hat. Im Lau­fe der Hand­lung jedoch durch­läuft die­se Figur eine Wen­de, Vogd fass­te es tref­fend mit „von der Hure zur Hei­li­gen“ zusam­men. Vio­let­ta opfert ihre ein­zi­ge wah­re Lie­be zum Woh­le Alfre­dos. Man könn­te sagen, sie sei geläu­tert. Man kann aber auch sagen, sie ist cha­rak­ter­li­ch gewach­sen. Auch wenn die Sze­ne­rie, Paris im 18. Jahr­hun­dert, für uns schon sehr weit weg klingt, sind also die (zwischen-)menschlichen The­men immer noch die sel­ben. Frau Dr. Esdar erläu­ter­te immer wie­der tref­fend mensch­li­ches Ver­hal­ten aus psy­cho­lo­gi­scher Sicht. Gen­au wie Vio­let­ta und Alfre­do leben auch wir heu­te noch im Spa­gat zwi­schen den Erwar­tun­gen der Gesell­schaft und unse­ren eige­nen Vor­stel­lun­gen.

Frau Prof. Dr. Apfel­baum stell­te dem Publi­kum schließ­li­ch noch den Begriff third mis­si­on vor. Ganz knapp for­mu­liert bezeich­net die­ser Begriff alle Berei­che an Hoch­schu­len, die nicht den Berei­chen For­schung oder Leh­re zuge­ord­net wer­den kön­nen. Bir­git Apfel­baum bracht es auch ganz klar auf den Punkt: Die­se La Tra­viata Insze­nie­rung ent­spricht nicht den Norm­vor­stel­lun­gen der Gesell­schaft. Sie ist nicht ‚eli­tär’ genug, nicht ‚echt‘ genug. Das sol­ch eine Denk­wei­se kom­plett unter­schätzt, was jeder Ein­zel­ne bei uns leis­tet, steht völ­lig außer Fra­ge. Ich kann hier lei­der auch nur skiz­zen­ar­tig auf­zei­gen, wel­ch brei­tes Spek­trum die Dis­kus­si­on Don­ners­tag gezeigt hat. Und ich hof­fe, ich mache Lust auf ‚mehr‘ – das lie­fern wir mor­gen Abend, Mon­tag, den 3. April um 20 Uhr im ZiF. 

Musi­ka­li­sch unter­malt wur­de die Dis­kus­si­on mit drei Bei­trä­gen von Nik­las Cla­rin. Er spielt Baron Dou­phol in unse­re Auf­füh­rung. Stimm­ge­wal­tig und wahn­sin­nig prä­sent hat­te er Ari­en von W. A. Mozart, Gae­ta­no Doni­zet­ti und Fran­ces­co Pao­lo Tos­ti für das Publi­kum vor­be­rei­tet. Nik­las, wir freu­en uns auf mehr!

Nächs­te Ver­an­stal­tung: Mo., 03.April 2017, 20 Uhr im ZiF – Die Musik der ver­bor­ge­nen Vor­gän­ge – Was und wie kom­po­niert Ver­di?

 Es gibt wie­der musi­ka­li­schen Hör­ge­nuss dazu 😉

Wie ein Probenwochenende entsteht

Bald ist es wie­der soweit: Vom 31.3. bis 2.4. steht unser letz­tes Pro­ben­wo­chen­en­de für La Tra­viata in den Kalen­dern von allen Betei­lig­ten. Doch was muss eigent­li­ch alles pas­sie­ren, damit so ein Pro­ben­wo­chen­en­de über­haupt statt­fin­den kann?

 

Ter­min­fin­dung

Ich bin ja der fes­ten Über­zeu­gung, dass dies der schwie­rigs­te Teil ist. In Zei­ten fle­xi­bler Arbeits­ein­sät­ze, Bache­l­or- und Mas­ter-Cur­ri­cu­la, G8 und der­glei­chen wird es immer schwie­ri­ger, auch nur allein das Orches­ter oder den Chor zusam­men­zu­brin­gen. Ledig­li­ch unse­re drei Haupt­so­lis­ten und der Orches­ter­lei­ter sind Pro­fis, alle ande­ren müs­sen „neben­bei“ auch noch „im ech­ten Leben“ ihre Bröt­chen ver­die­nen. Was also tun? Wich­tig ist es, einen Über­bli­ck zu haben, wer bereits an wel­chen Pro­ben teil­ge­nom­men hat und ob es Ereig­nis­se gibt, die bestimm­te Ter­mi­ne für eine gro­ße Grup­pe erschwe­ren (z.B. ande­re Orches­ter­pro­jek­te oder Fei­er­ta­ge vor oder nach dem Wochen­en­de). Dann kann man zwei oder drei Ter­mi­ne zur Wahl stel­len – aber man darf bloß nicht erwar­ten, eine brei­te Schar von Ant­wor­ten zu erhal­ten. In der Regel mel­den sich die, die ohne­hin immer da sind, sowie die, die fast nie da sind. Wir haben also unse­ren Ter­min schluss­end­li­ch auf den 31.3. – 2.4. fest­ge­legt – dies muss natür­li­ch an alle kom­mu­ni­ziert wer­den.

 

Raum­re­ser­vie­rung

Pro­ben kann man nur dann, wenn auch genü­gend geeig­ne­te Räu­me zur Ver­fü­gung ste­hen. Da wir im Audi­max kon­zer­tie­ren, ist es beson­ders wich­tig, sich auf die­sen Raum ein­stel­len zu kön­nen, also muss der Saal – min­des­tens 3,5 Wochen zuvor – bei der Raum­ver­ga­be ange­fragt wer­den. Wir haben Glück: in den Semes­ter­fe­ri­en ist wenig los, und so kön­nen wir den Raum reser­vie­ren. Dazu fra­ge ich im Sekre­ta­ri­at Kunst & Musik den gro­ßen Musik­saal sowie die Übezel­len an, unse­re Solis­ten müs­sen sich ein­sin­gen, sze­ni­sche und musi­ka­li­sche Pro­ben müs­sen par­al­lel statt­fin­den kön­nen, und auch Chor und Bal­lett brau­chen Räu­me zum Auf­wär­men. Ist das geschafft, haben wir bereits die hal­be Mie­te.

 

Pro­ben­plan erstel­len

Spä­tes­tens eine Woche vor dem Pro­ben­wo­chen­en­de soll­te der Pro­ben­plan mit­ge­teilt wer­den. Um ihn sinn­voll zu erstel­len, ist aber eine prä­zi­se Über­sicht dar­über, wer wann ver­füg­bar ist von­nö­ten – und natür­li­ch passt das alles nie zusam­men. Bei so einem Pro­jekt sit­zen Micha­el Hoyer und ich gern mal 1, 2 Stun­den zusam­men und tüf­teln so lan­ge, bis ein prak­ti­ka­bler Plan zustan­de kommt. Dabei ist neben den Ver­füg­bar­kei­ten zu berück­sich­ti­gen, wie früh und wie viel am Stück die ein­zel­nen Sän­ger im Ein­satz sein kön­nen, wer wel­che Sze­ne noch nie mut­ge­probt und sie des­we­gen drin­gend benö­tigt, wie­viel Zeit wel­che Abschnit­te in Anspruch neh­men, wer über­haupt zum ers­ten Mal dabei ist und einen Über­bli­ck benö­tigt, was gleich­zei­tig pas­sie­ren kann – und, für die Mit­wir­ken­den am wich­tigs­ten: Pau­sen!

 

Pau­sen

Pau­sen­ver­pfle­gung ist das A und O beim Pro­ben­wo­chen­en­de. Ist noch genug Kaf­fee vor­han­den, damit ich in der Pau­se wel­chen auf­set­zen kann? Wer bringt für die Nach­mit­tags­pau­se Kuchen mit? Bestel­len wir ein Cate­ring oder Piz­za? Wie wird das finan­ziert? Wer sam­melt hin­ter­her das Geld ein? Alles Din­ge, die drin­gend zu orga­ni­sie­ren sind.

 

Schlaf­ge­le­gen­hei­ten

Bei einem Opern­pro­jekt gibt es auch immer vie­le Mit­wir­ken­de, die von wei­ter ent­fernt kom­men und eine Über­nach­tungs­ge­le­gen­heit benö­ti­gen. Also ran ans Tele­fon und rum­te­le­fo­nie­ren: Irgend­wer wird doch noch ein Bett frei haben?

 

Und Action!

Am ers­ten Tag des Wochen­en­des steht dann zunächst ein­mal der Auf­bau an: Stüh­le ins Audi­max schlep­pen, die Tech­nik abbau­en, die Büh­ne ankle­ben, Requi­si­ten auf­bau­en, etc. Ab dem Vor­mit­tag tru­deln auf mei­nem Han­dy Absa­gen und Ver­spä­tun­gen ein, ich muss kurz­fris­tig umdis­po­nie­ren und schau­en, wie ich mit den Aus­fäl­len umge­he. Schnell schrump­fen da 5 Cel­li auch mal auf eines zusam­men, irgend­wer hat den Zug ver­passt und muss jetzt mit dem Auto abge­holt wer­den, ein ande­rer steht am fal­schen Pro­ben­ort. Orches­te­r­all­tag eben. Aber dann geht es los. Und wenn wir erst­mal pro­ben, zieht Ver­di uns in sei­nen Bann.

Der sich regelmäßig wiederholende Wahnsinn vor dem Probenwochenende

 

Wie krie­gen die eigent­li­ch so vie­le Leu­te koor­di­niert, damit am Ende eine fer­ti­ge Opern­pro­duk­ti­on ent­steht? Wer unse­ren Blog auf­merk­sam ver­folgt, hat ja schon mit­be­kom­men, wie viel Arbeit in den Vor­be­rei­tun­gen steckt (die man bei der Auf­füh­rung dann gar nicht mehr sieht) und wie vie­le Men­schen an dem Pro­jekt Oper im Audi­max  betei­ligt sind. Bei­spiel­haft zu nen­nen sind Regis­seur, Diri­gent, Kos­tüm­bild­ner, krea­ti­ve Köp­fe für das Büh­nen­bild, die Solis­ten, die Orches­ter­mu­si­ker, der Foto­graf und der Chor. Berufs­tä­ti­ge, Schü­ler, Stu­den­ten, sie alle müs­sen koor­di­niert wer­den, um gemein­sa­me Pro­ben­ter­mi­ne zu rea­li­sie­ren. Ping –  ich habe eine E-Mail: „Lie­ber Chor, ich habe einen Dood­le-Link mit Ter­min­vor­schlä­gen erstellt. Bit­te tragt euch schnell ein, damit ich die Pro­be fest­set­zen kann. Vie­len Dank, eure Lara.“ Pflicht­be­wusst ver­su­che ich den gesen­de­ten Link zu öff­nen und es pas­siert … nichts. Dan­ke Tech­nik! Also geschwind eine Mail geschrie­ben: „Lie­be Lara, ich wür­de mich ger­ne ein­tra­gen, aber ich kann den Link nicht öff­nen…“ Neben den tech­ni­schen Schwie­rig­kei­ten kom­men dann auch noch die Ter­mi­ne jedes Ein­zel­nen garan­tiert irgend­wann ein­mal in die Que­re der Pro­jekt­lei­tung. Und kom­mu­ni­zie­ren soll­te man das ja auch noch mög­lichst schnell. Was wir als ‚ein­fach nur Mit­wir­ken­de‘ gar nicht mit­krie­gen, ist die vie­le Zeit, die es das Orga­ni­sa­ti­ons­team kos­tet, uns alle unter einen Hut zu bekom­men.

Knapp eine Woche vor dem nächs­ten fest­ge­setz­ten Pro­ben­wo­chen­en­de kommt die nächs­te Rund­mail ins Post­fach geflat­tert. Im Anhang eine genaue Über­sicht wer wann am Sams­tag und /oder am Sonn­tag in der Uni­ver­si­tät sein muss. „Ach ja, könn­ten eini­ge bit­te etwas backen? Wir brau­chen Ver­pfle­gung. Am Sonn­tag kön­nen wir etwas bei einem Bring­dienst bestel­len. Bit­te gebt an, was wir für euch bestel­len sol­len.“ Wir befin­den uns in der vor­le­sungs­frei­en Zeit, da ist der Men­sa­be­trieb nur ein­ge­schränkt ver­füg­bar. Da so ein Pro­ben­tag aber ganz schön viel Kraft kos­tet, muss also auch die Ver­pfle­gung gere­gelt wer­den. Wie­der pas­sie­ren Din­ge im Hin­ter­grund, die die meis­ten von den Betei­lig­ten gar nicht mit­be­kom­men. Wie durch Zau­ber­hand hat sich alles gere­gelt – oder doch eher durch minu­tiö­se Pla­nung im Ver­bor­ge­nen?  😉

Ein ande­res Ele­ment, wel­ches Orga­ni­sa­ti­on erfor­dert, ist die Logis­tik. Die Wit­te­ner-Frak­ti­on des Chors kann ein Lied davon sin­gen… oder doch eher einen Ohr­wurm im Gepäck mit­brin­gen? Libia­mo, libia­mo ne’ lie­ti cali­ci, che la bel­le­za infiora…  Die Mit­glie­der des Wit­te­ner Cho­res sind trotz des wei­ten Weges immer da. Und auch die Solis­ten woh­nen nicht alle um die Ecke. Jeder ein­zel­ne steckt viel Zeit und Muße in die­ses Pro­jekt, damit es ein vol­ler Erfolg wer­den kann. Und wenn dann alle erst ein­mal vor Ort sind, kann die eigent­li­che Arbeit… der eigent­li­che Spaß erst begin­nen. Aber davon berich­ten wir ein ande­res Mal.

Meine drei Großen

Mozarts Solis­ten­en­sem­bles bestehen aus sechs, sie­ben, ja acht Prot­ago­nis­ten, aber Ver­dis Beset­zun­gen sind klein. In vie­len sei­ner Opern gibt es nicht mehr als vier oder fünf Haupt­rol­len, die Tra­viata kommt mit drei­en aus, und in sei­nem Mac­be­th steht dem Titel­hel­den ein­zig des­sen Gemah­lin zur Sei­te. Dies bedeu­tet zum einen zwar, daß eine Auf­füh­rung nur eine gerin­ge Zahl an Solis­ten ver­langt, zum ande­ren aber, daß auf die­sen eine umso grö­ße­re Last ruht; denn je weni­ger Sän­ger es gibt, desto län­ger steht jeder von ihnen auf der Büh­ne.

Die tra­gen­den Rol­len wer­den in der Tra­viata von einer Frau und zwei Män­nern ein­ge­nom­men: der tuber­ku­lo­se­kran­ken Kur­ti­sa­ne Vio­let­ta, dem jun­gen Land­ade­li­gen Alfre­do und sei­nem Vater, Gior­gio Ger­mont. Die Par­tie Vio­let­t­as ver­langt einen bald lyri­sch, bald eher dra­ma­ti­sch aus­ge­form­ten Sopran mit siche­rer Höhe und Kolo­ra­tur­fä­hig­kei­ten, Alfre­do ist ein Ten­or, der sang­li­chen Schmelz, aber punk­tu­ell auch hel­di­sche Durch­schlags­kraft besit­zen muß, und für den Vater Ger­mont erfand Ver­di eine Bari­ton­par­tie, die strö­men­des Melos mit gro­ßem Far­ben­reich­tum und fast teno­ra­ler Dis­po­si­ti­on ver­ei­nigt. In dem­sel­ben Maß, wie die Figu­ren viel­schich­ti­ger wer­den, stei­gen auch die Anfor­de­run­gen an die Viel­sei­tig­keit der Sän­ger.

Unse­re Tra­viata genießt den Vor­zug, über ein Solis­ten­t­rio aus drei kom­plett ver­schie­de­nen, aber abso­lut gleich­wer­ti­gen Sän­gern zu ver­fü­gen. Zwei von ihnen kom­men aus der ost­west­fä­li­schen Nach­bar­schaft – der drit­te aber, Hon­gyu Chen, der Alfre­dos Vater dar­stellt, stammt aus Chi­na und ist in des­sen äußers­tem Nor­den, nahe der mon­go­li­schen Gren­ze, auf­ge­wach­sen. Als wir ihn bei unse­rer Cas­ting-Ver­an­stal­tung hör­ten, waren alle Betei­lig­ten sofort von sei­ner noblen Stim­me und sei­nem wun­der­vol­len Lega­to ein­ge­nom­men, aber kei­ner von uns glaub­te, einen sol­chen Sän­ger für unser Pro­jekt gewin­nen zu kön­nen, zumal da er kei­ner­lei Bezü­ge zu Bie­le­feld oder zu einer der maß­geb­li­chen Per­so­nen besaß. Aber Hon­gyu Chen sag­te zu – und in den Pro­ben erwies er sich, wie fast alle wirk­li­chen Kön­ner, als ein höchst lie­bens­wür­di­ger und über­aus koope­ra­ti­ver Part­ner von gro­ßer Beschei­den­heit und bewun­derns­wer­ter Dis­zi­plin. Daß ich die mir eng ver­trau­ten Sän­ger, die Vio­let­ta und Alfre­do dar­stel­len wer­den, durch einen exzel­len­ten drit­ten wür­de ergän­zen kön­nen, den ich nach weni­gen Stun­den Freund wür­de nen­nen kön­nen, hät­te ich nicht zu hof­fen gewagt.

Auch eine Odys­see, aber eine ganz ande­re, hat Johann Pen­ner hin­ter sich, der den Alfre­do singt. Weil er eine anspre­chen­de Stim­me hat­te, begann er, Gesang zu stu­die­ren – und weil er sich nicht sicher war, ob er wirk­li­ch für eine Solo­kar­rie­re dis­po­niert war, begann er die­ses Stu­di­um zunächst in der Aus­rich­tung auf den Leh­rer­be­ruf. An der Hoch­schu­le reus­sier­te er mit mäßi­gem Erfolg, und als ich ihn zum ers­ten Mal enga­gier­te, geschah dies eher aus Not als aus Über­zeu­gung. Die Zusam­men­ar­beit aus gege­be­nem Anlaß ent­wi­ckel­te sich indes­sen zu einer kon­ti­nu­ier­li­chen Part­ner­schaft, in der neue Auf­ga­ben neue Wege und neue Wege neue Mög­lich­kei­ten erschlos­sen. Heu­te ist aus dem unsi­che­ren Ora­to­ri­en­sän­ger ein gestan­de­ner Opern­ten­or gewor­den, der all­tags mit Cou­ra­ge und Über­zeu­gung als Stu­di­en­rat sei­nen Mann steht, aber auch gelernt hat, daß er sich nach sei­ner sän­ge­ri­schen Befä­hi­gung durch­aus mit den Solis­ten bedeu­ten­der Büh­nen mes­sen kann.

Über Lara Veng­haus ein unvor­ein­ge­nom­me­nes Urteil abzu­ge­ben, dürf­te jeman­dem, der ihr per­sön­li­ch so nahe steht wie ich, nicht ohne wei­te­res zuge­traut wer­den, und nur Men­schen, die mich gut ken­nen, wer­den vor­aus­set­zen, daß ich nie­man­dem eine Unzu­läng­lich­keit weni­ger bereit­wil­lig nach­se­he als dem, der mir ver­traut ist. Lara Veng­haus ist gewiß nicht die Sopran­stim­me, die jeder Musik­freund in sei­nen Träu­men ver­nimmt, aber sie ist ein Ereig­nis, eine Kom­bi­na­ti­on aus stimm­li­cher Gewalt, unbän­di­gem Wil­len, kom­pro­miß­lo­ser Dis­zi­plin und besorg­nis­er­re­gen­der Intel­li­genz. Sie ver­fügt über einen Stimm­um­fang von drei­ein­halb Okta­ven, und ihr Tim­bre ist das einer um eine Oktav nach oben ver­setz­ten Altis­tin. Wo bei ande­ren rei­zen­des Sil­ber glit­zert, ver­strömt sie immer­no­ch bari­to­na­le Wär­me, die Bra­vour ihrer Extrem­la­gen ver­blaßt infol­ge der Mühe­lo­sig­keit, mit denen sie die­se erreicht. Jah­re hat es gedau­ert, bis sie in uner­müd­li­cher Bemü­hung ihre star­ke, dunkle, über­aus robus­te, aber auch wider­spens­ti­ge Stim­me zu bezäh­men lern­te, und umso bewuß­ter ist der Per­fek­tio­nis­tin, daß Voll­kom­men­heit, wie greif­bar sie auch erscheint, immer nur eine Gna­de des Augen­blicks ist, die nicht ohne beharr­li­che Arbeit, aber doch auch nicht ein­fach als deren Lohn gewährt wird.