Ein weiterer Teil unserer Vortragsreihe ist gestern leider schon zu Ende gegangen. Dr. Michael Hoyer spannte einen sehr weiten, aber höchst interessanten und informativen Bogen zu dem Thema, wie Verdi seine Traviata  kompositorisch aufgebaut hat und wie sie so überhaupt, musikgeschichtlich betrachtet, entstehen konnte. Eingeleitet wurde das Publikum jedoch zunächst musikalisch - Lara Venghaus bot einen bewegenden Vorgeschmack auf die bald kommende  Aufführung mit ‚ihrer‘ Arie E strano, e strano aus dem 1. Akt. Michael Hoyer erklärte dem Publikum zunächst, dass die Uraufführung 1853 in Venedig in einem handfesten Skandal mündete. Die Hauptfigur ist eine Kurtisane, also eine Dame aus höfischen Kreisen, die ihre Liebesdienste Adeligen anbot. Und so eine Dame stellt Verdi dann auch noch als selbstständig denkend da! Diese Tatsache ist im 19. Jahrhundert eine unerhörte …Hoyer verstand es spielend, dem Publikum die Verbindung von Violettas Denkprozess und der Komposition zu verdeutlichen. Zum einen bekommt das Überlegen Violettas einen ziemlich großen Raum zugestanden, da ihre Arie schon eine gewisse Länge aufweist. Die Arie weist Pausen auf, Wechselakkorde verdeutlichen das Hin- und Hergerissen sein der Titelheldin: Soll ich mich in das Abenteuer Liebe stürzen oder lieber weiter mein unbeschwertes, freies Leben führen? Sobald Violetta ihre Entscheidung getroffen hat, gibt es auch keine Pausen mehr, sagt Hoyer. Die zwei Strophen innerhalb der Arie vertiefen den Handlungshintergrund und die Figur Violetta bekommt mehr Tiefe. So wirkt die erste Strophe wie das verträumte Sehnen nach dem Traummann, welcher ja Alfredo sein könnte und die zweite Strophe beleuchtet Violettas Jugend. Sie war ein ganz normales Mädchen mit Träumen eines gutbürgerlichen Lebens. Diese Informationen bieten einen starken Kontrast zu der jetzt ausgeführten Rolle der Kurtisane. Hoyer erklärt, dass es ein Novum war, dass Verdi in den Arien die Handlung weiter laufen lies. Der aufmerksame Zuhörer bekam von Michael Hoyer einen Vortrag über die Evolution der Operngeschichte  geliefert. Von den ersten Opern der Renaissance, Dramen mit Musik und vielen Rezitativen, war es noch ein weiter Weg bis zu Verdis Kompositionsstil. Im Barock wurde der musikalische Anteil immer größer, jedoch wurde die Handlung nur in den Rezitativen vorangetrieben. Arien waren mit einem Handlungsstop gleichzusetzen. Character hatten einen festen Platz auf der Bühne, Arien drückten oft nur eine Gefühlsregung aus. Erste größere Veränderungen dieses, ich nenne es jetzt mal Opernmodells, gab es mit dem Schaffen von W. A. Mozart. Seine Opern sind komplett musikalisch und Hoyer zögert nicht, zu sagen, dass es ohne Mozarts Werke keinen Verdi gegeben hätte. Mozart ist in seinen Kompositionen immer nah am Text, versucht das Gesungene mit den Instrumenten zu verdeutlichen, zu unterstreichen. „Es ensteht nichts in der Musik, was nicht schon vorher im Text da war,“ erläutert  Hoyer. Diese Art der Komosition wird von Verdi weiterentwickelt. Das Preludio am Anfang der Traviata  nimmt eigentlich schon den Schluss vorweg. Die ersten Takte transportieren schon eine Traurigkeit, ein Bild für Violettas Sterben. Wir wissen also schon zu Beginn, dass die Hauptfigur sterben wird, „deshalb ist die Traviata  nicht spannnend,“ meint Hoyer. Verdi greift hier schon dem Text vorweg, etwas, was so bei Mozart nicht passiert. Es war spannend, zu hören, wie Hoyer das essentielle Verständnis dieser Oper am Walzer  Che è cio? Non gradireste ora le danze aus dem 1. Akt festmachen konnte.  Szenisch ist das Fest hier noch im vollen Gange. Der Walzer wechselt jedoch zu einer privaten Konversation zwischen Violetta und Alfredo. Während der Walzer zu beginn noch vom Orchester musikalisch getragen wird, wechselt die Aufmerksamkeit in der Konversation zu den Sängern, die Musik wird nebensächlich, obwohl das Fest weiterhin im Gange ist. Verdi legt den Fokus aber durch die Orchestrierung auf das baldige Paar. Er unterstützt also in seiner Komposition die Handlung, die Annäherung der beiden Protagonisten.

Michael Hoyer untermauerte seinen Spaziergang durch die musikalische Zusammensetzung der Traviata immer wieder gekonnt mit  Klaviereinlagen. Sein Streifzug durch die kompositorische Entstehungsgeschichte dieser Oper wurde durch die sängerischen Vorträge unserer Hauptsolisten veredelt. Lara Venghaus und Johann Penner präsentierten die großen Arien für Violetta und Alfredo improvisiert szenisch aber stimmgewaltig, sodass man als Zuhörer wirklich Gänsehaut bekam. Johanns Arie wurde durch Anninas  (Oxana Westfeld) Einwurf wundervoll vervollständigt.

Meine bescheidenen Worte können nicht wirklich präsentieren, wie umfassend und detailliert die Schilderungen von Michael Hoyer wirklich waren.

Die nächste Möglichkeit, einen spannenden Vortrag zur La Traviata bietet sich am 10. April 2017 um 20 Uhr im ZiF. Dr. Peter Menke zieht einen Vergleich zwischen Dumas’ Kameliendame und Verdis La Traviata. Zuhören lohnt garantiert!