Es ist in den letzten Tagen etwas ruhiger auf unserem Blog geworden. Das heißt aber nicht, dass das Projekt La Traviata  aus unseren Terminkalendern gestrichen gewesen wäre, nein, ganz im Gegenteil. Es lag ein intensives Probenwochenende vor allen Beteiligten vor und hinter den Kulissen. Die Kostüme wurden erneut anprobiert und die Schneiderinnen haben wieder abgesteckt, was die Nadeln her gaben. Orchester, Solisten und Chor wurden unterstützt vom Ballett. Es wird immer runder. Doch die Vorbereitungen liefen natürlich schon wieder sehr viel länger. So fand bereits Donnerstag die Podiumsdiskussion im Rahmen der Vortragsreihe zu der Opernaufführung im ZiF statt. Da das Orchesterpublikum normalerweise ins Audimax kommt, fing die Diskussion mit etwas Verspätung an, da die Zuhörer erst ins ZiF kommen mussten.  Doch in den folgenden zwei Stunden gab es allerhand schönes und wissenswertes für die gespitzten Öhrchen. Auf dem Podium diskutierten Prof. Dr. Werner Vogd von der Universität Witten/Herdecke, Prof. Dr. Birgit Apfelbaum von der Hochschule Harz, und Dr. Wiebke Esdar von der Universität Bielefeld. So wurde mit teils soziologisch-philosophisch-musikalischen Ansätzen, psychologischen und (inter-) kulturellen Ansätzen diskutiert, wie aktuell eigentlich der Stoff von Verdis Oper heute noch ist und warum die Hochschulen auch solche Projekte wie unsere Traviata fördern sollten und sie sogar davon profitieren.

Unsere Produktion wird zu einem großen Teil mit Mitwirkenden bestritten, die so niemals an einer Opernaufführung teilnehmen könnten, wie sie in großen Opernhäusern dieser Welt gezeigt werden. Das zeichnet uns aber auch aus, den wir leben Integration. Davon berichteten wir ja schon.

Prof. Dr. Vogd erklärte zu Beginn sogleich den Titel-gebenden Satz: „Verdi ist einer von den Guten!“ und kontrastierte ihn mit Puccini und Wagner. Vogd erläuterte die unterschiedliche Herangehensweise and die realitätstreue Darstellung von gesellschaftlichen und verknüpften privaten Themen in Opern dieser drei großen Komponisten. Er empfindet Verdis Thematisierungen als echt und real. Es wird nichts beschönigt und auch nichts verklärt. Als anschauliches Beispiel von heute nannte Vogd Partygänger und One-Night-Stands. Hier wird das hedonistische Prinzip genauso deutlich,  wie in den Festlichkeiten der Pariser Gesellschaft  in   La Traviata  und Violettas Leben als Edelkurtisane. Die Titelheldin hält zunächst nicht viel von festen Bindungen und nimmt sich die Freiheit, so zu Leben, wie sie Spaß hat. Im Laufe der Handlung jedoch durchläuft diese Figur eine Wende, Vogd fasste es treffend mit „von der Hure zur Heiligen“ zusammen. Violetta opfert ihre einzige wahre Liebe zum Wohle Alfredos. Man könnte sagen, sie sei geläutert. Man kann aber auch sagen, sie ist charakterlich gewachsen. Auch wenn die Szenerie, Paris im 18. Jahrhundert, für uns schon sehr weit weg klingt, sind also die (zwischen-)menschlichen Themen immer noch die selben. Frau Dr. Esdar erläuterte immer wieder treffend menschliches Verhalten aus psychologischer Sicht. Genau wie Violetta und Alfredo leben auch wir heute noch im Spagat zwischen den Erwartungen der Gesellschaft und unseren eigenen Vorstellungen.

Frau Prof. Dr. Apfelbaum stellte dem Publikum schließlich noch den Begriff third mission vor. Ganz knapp formuliert bezeichnet dieser Begriff alle Bereiche an Hochschulen, die nicht den Bereichen Forschung oder Lehre zugeordnet werden können. Birgit Apfelbaum bracht es auch ganz klar auf den Punkt: Diese La Traviata Inszenierung entspricht nicht den Normvorstellungen der Gesellschaft. Sie ist nicht 'elitär' genug, nicht 'echt‘ genug. Das solch eine Denkweise komplett unterschätzt, was jeder Einzelne bei uns leistet, steht völlig außer Frage. Ich kann hier leider auch nur skizzenartig aufzeigen, welch breites Spektrum die Diskussion Donnerstag gezeigt hat. Und ich hoffe, ich mache Lust auf 'mehr‘ - das liefern wir morgen Abend, Montag, den 3. April um 20 Uhr im ZiF. 

Musikalisch untermalt wurde die Diskussion mit drei Beiträgen von Niklas Clarin. Er spielt Baron Douphol in unsere Aufführung. Stimmgewaltig und wahnsinnig präsent hatte er Arien von W. A. Mozart, Gaetano Donizetti und Francesco Paolo Tosti für das Publikum vorbereitet. Niklas, wir freuen uns auf mehr!

Nächste Veranstaltung: Mo., 03.April 2017, 20 Uhr im ZiF - Die Musik der verborgenen Vorgänge - Was und wie komponiert Verdi?

 Es gibt wieder musikalischen Hörgenuss dazu 😉