Was braucht man zum Gelingen eines Opernprojektes am dringendsten?

Eine Oper? Joa, schon nicht schlecht. Enthusiasmus? Ja, gewiss auch diesen - aber vor allem braucht man ein Orchester.

Ein Orchester, das ist eine Gruppe von Menschen, von denen jeder ein Instrument spielt und die sich regelmäßig zum gemeinsamen Musizieren treffen. Unser Orchester, das Bielefelder Universitätsorchester, ist ein ganz besonderer Vertreter dieser Spezies.

1974, kurz nach der Gründung der Jungen Sinfoniker, die das erste Laienorchester in Bielefeld waren, kamen drei Erwachsene Instrumentalisten auf die Idee, ein Laienorchester zu initiieren. Mit Erfolg: Zahlreiche Menschen fanden sich unter dem Dach des Jungen Kammerorchesters, das bald darauf das Hochschulorchester Bielefeld werden sollte, zusammen, um gemeinsam mehr Freude am Musizieren zu haben. 1980 übernahm Michael Hoyer die Leitung - er hat sie bis heute inne.

Ich kam 2003 als 2. Oboe ins Orchester - für mich ein großes Glück, für meine Mitspieler zunächst jedoch eher eine Hypothek. Ich war nicht sehr fähig an meinem Instrument - dennoch durfte ich mitwirken. Es gab in diesem Ensemble keine Aufnahmebeschränkung, aber eine Art Ehrenkodex: es wurde von mir erwartet, dass ich mich anstrengte, mein Bestes gab, um mich zu verbessern und eine Bereicherung für das Orchester zu werden. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, dass schon viele diesen Weg gegangen waren. Das war aber auch nicht wichtig: ich hängte mich rein, profitierte von den erfahrenen Kollegen, die mir Tips gaben und mich förderten, und schaffte es schon bald auf die Position der 1. Oboe.

Seither habe ich viele ähnliche Werdegänge beobachtet und einigen mit meinen Erkenntnissen weiterhelfen können. Ich habe 4 verschiedene Konzertmeister erlebt, Werke von großer Popularität wie etwa Tschaikowskys Klavierkonzert oder Beethovens 3. Sinfonie, aber auch Uraufführungen und entlegenes gespielt.
Viele Mitspieler kamen und gingen, andere blieben. Aus "meiner" ersten Besetzung von 2003 sind heute noch ein Kontrabass, ein Cello, zwei zweite Geigen und eine erste Geige sowie ein Hornist im Orchester - andere, die früher schon mitspielten, kamen wieder, wieder andere verließen das Ensemble aufgrund familiärer oder beruflicher Veränderungen.

Was dieses Ensemble aus meiner Perspektiven von anderen abhebt, ist die hohe Individualität sowie die immense Offenheit und Toleranz gegenüber Neuem, Mitgliedern wie Aufgaben. Wir sind kein geselliger Verein, der nach jeder Probe noch stundenlang zusammen Bierchen trinkt, lange gemeinsame Reisen oder Freizeitaktivitäten unternimmt und sich gegenseitig zu Geburtstagen und dergleichen einlädt - das gibt es teilweise, aber relativ wenig. Bei uns gibt es keine Abgrenzung, kein "wir" und "die", in diesem Ensemble ist jeder willkommen, der sich einbringen möchte. Herkunft, politische oder religiöse Ansichten, gesellschaftliche Stellung - all das bedeutet hier nichts. Uns verbindet nur die Musik. Und dieses "nur" meint eigentlich: das Sein.