"Michael Hoyer? Das ist doch der Dirigent des Uniorchesters. Der mit den unverständlichen Einführungen und den langsamen Tempi?" So oder so ähnlich dürften die Antworten lauten, wenn man die Bielefelder kulturinteressierten Bürgerinnen und Bürger befragt. Aber wird ihm dies auch gerecht?

 

Michael Hoyer kam 1980 mit seiner Frau, die eine Stelle als Geigenlehrerin an der städtischen Musikschule antrat, nach Bielefeld. Sein Dirigierstudium hatte der aus Schweinfurt stammende Sohn eines Straßenbauingenieurs gerade an der Musikhochschule in Würzburg abgeschlossen, seine wissenschaftlichen Studien (Philosophie, Musikwissenschaft, Sprachwissenschaft und Germanistik) beabsichtigte er jedoch, weiterzuführen. Dass das 1976 gegründete Hochschulorchester kurz nach seiner Ankunft in OWL einen Leiter suchte, kam ihm sehr gelegen, konnte der junge Dirigent auf diese Weise doch sogleich in die Praxis einsteigen.
Michael Hoyer schrieb sich an der Universität Münster ein, fuhr regelmäßig zu den Seminaren und begann an seiner Promotion zu arbeiten. Immer in regem Kontakt nach Süddeutschland, wo seine Mutter die unbeschreibliche Handschrift ihres Sohnes über die Schreibmaschine in einer Fassung zu Papier brachte, die auch ohne Lupe leserlich war.

Im Orchester war seine Handschrift bereits nach kurzer Zeit deutlich zu erkennen. Hatte er sich noch in der Vorbereitung zum 1. Konzert, dem einzigen gemeinsamen Auftritt von Unichor und Orchester in der Geschichte der Universität, furchtbar mit dem Chorleiter über die richtige Art zu dirigieren gestritten, demonstrierte er fortan, was mit sauberer Technik und geduldiger Arbeit zu erreichen war. Liest man im Archiv des Orchesters nach, so finden sich dort nahezu sämtliche Sinfonien Beethovens und Brahms, quasi alle Liedkompositionen Gustav Mahlers, populäre und unbekannte Instrumentalkonzerte von Barock bis Neuzeit - kurz ein ungeheuer breites Spektrum, welches für ein Laienorchester höchst ungewöhnlich ist.

Zu jedem Programm verfasste Michael Hoyer eine eigene Einführung. Ihn beim Schreiben zu beobachten, erfordert mehr Geduld, als ich aufzubringen in der Lage bin - und mehr Geduld, als die Elaborate zu lesen!

Ein typisches Bild: Er sitzt im Garten in der prallen Sonne, ein Pullover hängt über den Schultern, auf dem Tisch vor ihm eine Schreibunterlage, ein weißes Blatt, ein im Gebirge selbst gesammelter Stein, der verhindert, dass das Blatt wegfliegt, ein kleines Handtuch mit seinen Initialen, von seiner Großmutter bestickt, und ein schwarzer Edding, 0,1 mm Strichstärke. Er denkt. Sitzt unbeweglich da und denkt nach. Das Telefon läutet - er nimmt es gar nicht wahr. Hin und wieder folgt sein Blick dem Zaunkönig auf Nahrungssuche, sonst verharrt er unbewegt. Bis der Gedanke in seinem Kopf vollendet ist, bis er unanfechtbar geworden ist - dann schreibt er ihn nieder. Und versinkt erneut in Gedanken.

 

Zeit ist Michael Hoyers kostbarstes Gut - und er investiert es in sein Orchester wie in dessen Mitglieder. Wilhelm spielte schon vor 1980 im Orchester Klarinette und ist bis heute Mitglied des Orchesters. Eine Zeit lang wohnte er sogar im 1. Stock des Hauses am Liebfrauenweg, welches seit 1990 nicht nur den Hoyers, sondern auch einer ganzen Bibliothek von Noten, Schriften und Orchestererinnerungen Zuflucht bietet. Auch Magdalena, ein Au-Pair-Mädchen aus Polen, welches als Flötistin ins Orchester kam, fand dort ein freies Zimmer, als es Probleme mit der Gastfamilie gab. Und wer in diesem Haus je zu Gast war, weiß, dass neben gutem Essen und einem Schlafplatz auch intensive Gespräche, Sprachunterricht, Musikunterricht und ähnliches zu der Ausstattung gehören, mit der Michael seine Gäste bedenkt.

 

Ich weiß nicht, wie vielen Menschen Michael Hoyer in den unterschiedlichsten Lebenslagen beistand. Er selbst vermutlich auch nicht, denn er ist kein Statistiker. Aber ich weiß, dass viele, die woanders keine Chance erhielten, im Uniorchester stets gefördert wurden und bei ihm auch stets Hilfe und ein offenes Ohr fanden. Und das ist es, was die Orchesterarbeit mit ihm so besonders macht.

 

Das Universitätsorchester ist kein geselliger Haufen, der neben den Proben vor allem gemeinsam was trinken geht und sich unterhält. Hier sitzen schräge Vögel und Individualisten nebeneinander - aber gerade dadurch ist hier jeder willkommen. Und diese Kultur hat derjenige geprägt, der dieses Ensemble seit 37 Jahren leitet: Michael Hoyer.