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La via = der Weg, die Straße

Von diesem Substantiv könnte ein Weg zu einem Verbum viare führen; das gibt es aber nicht.

Immerhin gibt es aber deviare = umleiten und sviare = ablenken

Tra ist eine Präposition und bedeutet eigentlich zwischen oder durch. Als Vorsilbe gebraucht, hat das Wort oft pejorative Funktion, d. h. es verschiebt die Bedeutung des damit verknüpften Wortes ins Unangenehme, zu Mißbilligende, Verurteilungswürdige. Aus ballare = tanzen wird so zum Beispiel traballare = taumeln, aus vedere = sehen travedere = verblendet sein.

Traviare meint also entsprechend, vom Wege abzukommen, und traviata ist das Partizip perfekt dazu. Damit sind wir schon recht nahe an einer Wendung, die auch die deutsche Sprache kennt: vom rechten Weg abgekommen oder auf die schiefe Bahn geraten zu sein.

Bei Alexandre Dumas, dem Autor der Romanvorlage, lautet der Buchtitel noch unverfänglich La Dame aux Camélias“, die Kameliendame, obwohl das eher libertäre Frankreich mit einer Kurtisane als Titelfigur eines literarischen Werks sicher geringere Probleme gehabt hätte als das gerade im 19. Jahrhundert sehr katholische, bigotte Italien. Verdi und sein Librettist, Francesco Maria Piave, sahen für die Oper zunächst den ebenso unverfänglichen Titel Amore e Morte, Liebe und Tod, vor, ehe sie, im Vorgriff auf den drohenden Einspruch der Zensur gegen das unmoralische Sujet, sich für La Traviata entschieden. Die nötige Mißbilligung dessen, was da auf der Bühne gezeigt wurde, war damit ausgesprochen, die Distanzierung der Autoren von ihrem Produkt, durch welche der Verdacht ausgeräumt wurde, sie könnten für ihre Heldin Partei ergreifen wollen, war erfolgt. Wer mochte, konnte nun in dieser Oper ein Lehrstück darüber erblicken, wie der Himmel diejenigen bestraft, die sich vom Bösen verführen lassen. Verdi, der ein unabhängiger Geist und zwar tief religiös, aber gegen die Kirche durchaus kritisch eingestellt war, wird sich zu dieser Umbenennung umso bereitwilliger entschlossen haben, als der neue Titel die Aufmerksamkeit auf zwei fundamentale Momente seiner Oper sogar zielstrebiger lenkte als der alte: daß nämlich, wer vom rechten Wege abkommt, sich zuvor durchaus darauf befunden haben kann und daß, zweitens, keineswegs ausgemacht ist, wer dieses Abweichen zu verantworten hat. Wer die Oper mit wachem Bewußtsein verfolgt, findet auf diese Fragen eindeutige Antworten: Violetta suchte als junges Mädchen die wahre Liebe und findet durch Alfredo zu dieser zurück; und im Unterschied zu den Repräsentanten des Anstands ist Violetta jederzeit eine aufrichtige Person. Ihr gehört Verdis Sympathie, und diese gründet sich nicht auf einen Hang zum Lasziven, sondern auf seine Liebe zur Rechtschaffenheit. Ein moralisches Lehrstück ist La Traviata in der Tat – nur werden darin andere verurteilt als das Mädchen auf der schiefen Bahn.