Wer einmal in Paris ist und über den Cimetière de Montmartre schlendert, wird neben den Gräbern einiger anderer bekannter Persönlichkeiten auch dieses Grab finden, das regelmäßig von unbekannten Besuchern mit Blumen geschmückt wird. Hier ruht Alphonsine Plessis, die unter dem Namen Marie Duplessis eine zu ihrer Zeit bekannte Kurtisane war und die Alexandre Dumas fils, der bis zu ihrem Tod im Jahre 1847 einer ihrer Verehrer war, als Vorbild für die erste literarische Grundlage der Traviata diente – die Dame aux Camélias, der Kameliendame, die zuerst als Roman im Jahre 1848 das Licht der Welt erblickte.

Schon die reelle Person (und in der Folge auch Marguerite Gautier, Dumas' Protagonistin) war dafür bekannt, dass sie regelmäßig Kamelien und andere Blumen bei sich trug. Während Dumas den diskreten Mantel des Schweigens über den möglichen Grund legte, kann man annehmen, dass sie dies aus einem relativ praktischen Grund tat, um ihren Verehrern mögliche Unpässlichkeiten anzuzeigen: Die Blüten waren immer an einigen Tagen des Monats rot, ansonsten weiß.

Auch an anderen Stellen zeigen sich deutliche Parallelen zumindest zur Romanvorlage, die noch relativ deutlich von den späteren Stationen auf dem Weg zur Traviata abweicht. Nach dem Erfolg des Buches wurde Dumas' Drama-Adaption 1852 uraufgeführt. Diese weist (bedingt durch die Besonderheiten der Bühne und des darstellenden Spiels) schon größere Unterschiede zum Roman auf und liefert bereits sowohl in der Anlage der Personen als auch der Handlung die Grundkonstellation der Traviata. Piave und Verdi nehmen natürlich noch kleinere und größere Veränderungen vor, aber die augenfälligsten davon sind eine Straffung der Handlung durch Eliminieren einiger in ihren Augen irrelevanter Nebenpersonen, Szenen und Handlungen, eine durch die Zensur bedingte Verlagerung der Handlungszeit, und schließlich diejenigen Veränderungen, die erforderlich sind, um statt den Anforderungen des Sprechtheaters denen der Oper gerecht zu werden.

Wir werden in späteren Beiträgen noch verschiedenen literarischen Hintergründen und Phänomenen auf die Spur gehen – schließlich wird es aller Wahrscheinlichkeit nach kein Zufall sein, dass in einem Werk, in dessen Titel eine Blume vorkommt, sowohl die Romanheldin Marguerite als auch die Opernheldin Violetta ebenfalls die Namen von Blumen tragen.

Nach meinem Studium der Linguistik und Literaturwissenschaft an der Uni Bielefeld stieß ich eher durch Zufall zum Projekt Zauberflöte dazu; und bin den Gesangs- und Opernproduktionen des Orchesters seither treu geblieben.